Donnerstag tagte das Kuratorium 3 1/2 Stunden, diesmal im Senatssaal, und sorgte sich insbesondere um das zukünftige Wohl der Naturwissenschaften an der FU Berlin.
Anwesend waren 9 der 10 Mitglieder. Dass Herr Sattelberger, früher Personalvorstand bei Continental und vor einem Monat als Personaler zur TELEKOM gewechselt, momentan andere Probleme hat, als sich um die strategische Ausrichtung der FU zu kümmern, mag verständlich sein - 50.000 Mitarbeiten sourcen sich nicht von alleine aus…
In den dreieinhalb Stunden ging es um die großen und kleinen strategischen Ausrichtungen der FU Berlin. So berichtete der Vorsitzende Erichsen aus der KBU (Konferenz der Berliner Universitäten - wobei damit nur die drei großen gemeint sind), dass in Zukunft die Bibliotheken ihre Beschaffung gemeinsam durchführen wollen, man die Anpassung der Semesterzeiten an den europäischen Kalender im Rahmen der Entscheidungen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) wolle und FU, HU und TU an einer frühzeitigen Einbeziehung in die Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes stark interessiert seien. Diese Kooperation zwischen den drei Universitäten sei, so Präsident Lenzen, unbedingt notwendig, denn nur weil sie kooperierten, hätten sie eine Bestandsberechtigung als eigenständige Universitäten.
Präsident Lenzen informierte weiter, dass es in der zweiten Juliwoche die offizielle Ämterübergabe von altem zu neuem Präsidium geben solle. In der Kuratoriumssitzungen waren auch schon eine Reihe neuer Präsidiumsmitglieder anwesend.
Die FU wird zudem in Zukunft ein gemeinsames Qualitätsbenchmarking mit der “Eliteuni” LMU in München durchführen. Man will sich an den eben an den besten messen. Gelobt wurde das CHE-Ranking, wo die FU gut abgeschnitten hat, kritisiert wurde das Fokus-Ranking, in dem die FU nicht so gut abschließen konnte. Das Übliche Spielchen aller Uni-Leitungen… Achja, und die FU hat ein Büro in Peking eröffnet, für das das Präsidium den dortigen DAAD-Referenten abgeworben hat. Ansonsten sucht der Präsident mit der städtischen Wirtschaft und Wowereit nach Clustern, die gemeinsam beackert werden können. Gefunden wurde unter anderem die Idee eines “World Cultural Forum”, das sich am Davoser Weltwirtschaftsforum orientiert. Wowi soll ganz hin und weg sein…
Dann hatte ich ein paar Fragen, auf die es vom Präsidium nur ausweichende Antworten gab, auf die hier aber hingewiesen sein soll:
1. Auf meine Frage, wie es sein könne, dass die FU in der ZEIT von vor einer Woche eine Anzeige für Master-Studiengänge einstelle, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal beschlossen waren, log korrigierte Präsident Lenzen, dass es sich nicht um MA-Studiengänge sondern nur um Fächernamen gehandelt habe, obwohl darunter tatsächlich exakt die Namen von MA-Studiengängen waren, die erst 6 Tage nach Schalten der Anzeige überhaupt vom Akademischen Senat beschlossen werden sollten.
2. Gefragt, ob Präsidium von Fachbereichen beschlossene Berufungslisten aus inhaltlichen und nicht nur formellen Gründen zurückweise, bestätigten Präsident Lenzen und Vizepräsident Hempfer, dass es sich dabei um gängige Praxis handele - man müsse ja “Qualitätskontrollen” durchführen. Dass es für diese Praxis keinerlei rechtliche Grundlage gibt, ist feste Meinung der Liberalen Hochschulgruppe an der FU Berlin! Das Präsidium hat die Berufungslisten nach dem Gesetz an den zuständigen Senator weiterzuleiten, der dann eigenständig eine Prüfung vornehmen darf.
3. Vizepräsident für Lehre, Herr Väth gab auf Anfrage zu, dass viele BA-Studiengänge an der FU Berlin die internationale Mobilität der Studierenden behindern (dies sei europaweit ein Problem). Die Forderung der Bologna-Minister, mehr Flexibilität und dadurch mehr Mobilität zu ermöglichen, könne aber frühesten bei der Evaluation der neu eingeführten Studiengänge geben. Dass wir Studierenden, etwa in der Kommission für Lehre, schon oft diese Fragen angesprochen hatten - ich erinnere nur an den hochgelobten BA Psychologie -, unsere Kritik aber dort nicht gerne gehört wird, sei hier nochmal hervorgehoben.
Im weiteren Verlauf des Kuratoriums wurden dann noch bei meiner Enthaltung die Gebühren für den reformierten weiterbildenden Masterstudiengang Gender-/Diversitystudies von 500 Euro auf 1200 Euro erhöht.
Und zum Abschluss gab es dann den geplanten Höhepunkt der Sitzung: Die Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Naturwissenschaften an der FU Berlin. Geladen waren sieben Univ.-Profs, die begründen sollten, warum die Naturwissenschaften bei der Exzellenzinitiative eher schlecht abgeschnitten hatten und wie sie sich die Zukunft vorstellen:
Deuflhard (FB Mathe/Inf), Schütte (FB Mathe/Inf), Handy (FB Geo), Haucke (FB Bio/Che/Phar), Wolf (FB Physik), Wieler (FB Vet-med.), Hengge (FB Bio/Che/Phar - die einzige weibliche Vertreterin) und Haag (FB Bio/Che/Phar).
Überraschend jung und gut präsentierten Haag (etwas zittrig im Vortrag, aber kein Wunder vor den kritischen Augen von Kuratorium und Präsidium) und Handy (mit nettem schweizer Akzent) die beiden Schwerpunkte der FU im Bereich der Naturwissenschaften: “Molecular Science” und “Earth & Planetary Sciences”. Nach der Präsentation läuft eigentlich alles ganz gut, es fehlt noch eine bessere Anbindung am die Industrie und zu stärken sei die Kooperation mit den anderen Universitäten in der Region.
Die Diskussion verlief relativ lahm; nur zwei Highlights gab es: Staatssekretär Husung regte sich künstlich auf, als einige Probleme bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative aufgeführt wurden - diese Kritik könnte ja in der jetzigen Runde schädlich sein. Kritik dürfe nicht öffentlich geäußert werden, sondern müsse hinter verschlossenen Türen debattiert werden. Sehr typisch in diesen Tagen, in denen alles “strategisch”, “wichtig” und “exzellent” sein muss, aber kein Raum und keine Zeit für echte und offene Diskussionen mehr bleiben. Den zweiten Höhepunkt bot dann aber das schweizerische Kuratoriums-Miglied Frau Heidi Diggelmann:
Sie kritisierte, dass die neuen Strategiedebatten weg von Personen gingen, und nur noch die übergeordnete Universität mit “großen, unpersönlichen Zielen” im Zentrum stehe. Junge Forscher würden in der managementintensiven Universität verheizt werden. Deutschland habe es zwar in der Vergangenheit verpasst, für akademische Vernetzung und Kooperation mit der Industrie zu sorgen, verfalle aber nun von einem Extrem ins nächste. Die Universität brauche aber nicht nur Finanzierung durch “Exzellenz”, sondern ein breites Spektrum an Finanzierungen. Sie brauche auch Querdenker, die nicht dem neuen Mainstream folgen, sondern für neue Ideen sorgen und auch den aktuellen Entwicklungen kritisch gegenüber ständen.
Präsident Lenzen versuchte nochmal schwächlich zu kontern, man habe ja Einrichtungen eingesetzt, die die Forscher von Managementaktivitäten entlasten würden, aber das großartige Statement von Frau Diggelmann überstrahlte diesen müden Versuch um Längen: Weil es richtig war!
Das Schlusswort des Vorsitzenden Erichsen: Er sehe die Naturwissenschaften nach der Präsentation auf einem besseren Weg, als er das angenommen hatte, die Erneuerung gehe voran und man solle die Entwicklung in der Zukunft weiter verfolgen.
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Das Kuratorium ist so etwas wie der “Aufsichtsrat” der FU Berlin. Hier werden alle zentralen finanziellen und strategischen Entscheidungen offiziell getroffen. Die Mehrheit haben Externe; die vier Statusgruppen der FU sind mit je einem/einer Vertreter/in dort vertreten.