Unverdiente Statisten
Thomas EichentopfFU Veranstaltungen, Allgemeine Veranstaltungen, Hochschulpolitik, FU, Allgemeines Kommentar schreibenAuf seiner Webseite berichtet der ASta von der erfolgreichen Störung der Erstsemesterbegrüßung im Henry-Ford-Bau. Nicht nur wurde Präsident Lenzen aber in der Begrüßungsrede der ASta-Referentin an den Pranger gestellt. Vielmehr geriet der eigentliche Zweck der Veranstaltung, die neuen Studenten herzlich in die Hochschulgemeinschaft aufzunehmen, zur totalen Farce. So stellte die ASta-Referentin die Frage, weshalb die Veranstaltung unter Polizeischutz stattfinden müsse? Der folgende Protest in Form von Stinkbomben gab jedoch die unmittelbare Antwort darauf.
Präsident Lenzen hielt mit deutlichen Worten entgegen und verwehrte dem ASta den Anspruch, demokratisch legitimiert zu sein. Die Feier steht somit in der Tradition der letzten Jahre, von beiden Seiten mehr als politisches Forum missbraucht zu werden, bei dem die Erstsemester zu Statisten werden. Hiervon möchten wir uns deutlich distanzieren.
Die Universität scheint geneigt, von sich aus die Vorgänge totzuschweigen. Der Bericht auf der FU-Hauptseite erwähnt die Ausuferungen in keinster Weise. Er zitiert allerdings Bischof Wolfgang Huber: „Wer die Wirklichkeit um sich herum kritisch betrachtet, muss auch lernen, mit dem eigenen Tun kritisch umzugehen. Das gehört zu den wichtigsten akademischen Erfahrungen, die ich Ihnen wünsche.“
UPDATE: Auch auf anderen Blogs werden die Ereignisse ausführlich behandelt. Mehr oder weniger deutlich werden Sympathien für das Vorgehen geäußert. Der “Lenzen-Fanclub” feiert sich.
24. Oktober 2007 at 23:29
Vielen Dank an den Autor dieses Artikels!Ich freue mich sehr darüber, endlich mal von jemandem zu hören, dass ich und meine Kommilitonen herzlich willkommen sind an der Freien Universität Berlin. (Vielleicht hat Herr Lenzen uns auch willkommen geheißen, aber es lag wahrscheinlich an der Akustik des Auditoriums, dass ich ihn nicht ganz verstanden habe)
Ich finde es wirklich schade, dass meine (bzw. die aller Erstsemester) Immatrikulationsfeier als Plattform für irgendwelche Machtspielchen missbraucht wurde. Die Rede der ASta Referentin, die Flugblätter und Stinkbomben, die respektlose Störung der Rede von Lenzen, die Studenten, die mit der Bierflasche durch die Uni liefen…sorry an den ASta- aber mit dieser Aktion habt ihr für mich persönlich an Legitimation verloren. Ganz egal, ob Herr Lenzen das personifizierte Böse ist oder nicht, trotzdem hat jeder Mensch eine respektvolle Behandlung verdient.
Es ist schon irgendwie merkwürdig: Der AStA strebt doch eine Demokratisierung der Hochschulpolitik an, oder? Für mich bedeutet Demokratie u.a. Pluralimus und zumindest Akzeptanz (!) der Meinungen und Stimmen.
Heute haben vielen Stimmen versucht zu uns Neuimmatrikulierten zu sprechen, doch der Geruch der Stinkbomben und die lautstarken Parolen haben sie leider alle daran gehindert, uns zu erreichen…
25. Oktober 2007 at 10:49
Eigentlich sollte es eine Art „Schulanfang“ für die „Erstis“ werden – doch der Festakt am Mittwoch verdient wohl eher den Titel „Immatrikulationschaos“, denn welcher Schulanfang beginnt mit einer niedergebrüllten Rede des Schuldirektors, Stinkbomben und Sicherheitskräften im Saal?
Um es deutlich zu machen: die Protestaktion des so genannten „Lenzen-Fanclubs“ (offensichtlich Anhänger des AStAs) war wirkungsvoll aber auch unfair gegenüber den Erstsemestern, die der AStA ja auch vertritt. Das sich die Medien (Spiegel online, Tagesspiegel,…) in ihrer Berichterstattung fast vollständig auf AStA-Angaben beziehen und keine Meinung von den anwesenden Erstsemestern einholten, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der anwesenden Erstsemester und Gäste.
Natürlich befürworte ich, dass auf der Immatrikulationsfeier nicht nur Lobeshymnen geschwungen werden, sondern, wie in der Rede der AStA Vertreterin Inga Nüthen, auch kritische Worte fallen. Natürlich war es effektvoll, bei Stichworten wie „Exzellenz“, „Drittmitteln“, oder „Lenzen“ in überschwänglichen Jubel auszubrechen um seine Position deutlich zu machen.
Den Festakt aber ins Chaos ausarten zu lassen und Dieter Lenzen nicht einmal die Chance zu geben, seine Position im Rahmen der Veranstaltung deutlich zu machen ist nichts weiter als UNDEMOKRATISCH!
25. Oktober 2007 at 12:51
Warum an der FU keine demokratische Redekultur herrscht, und warum es daher meines Erachtens nicht verwundernswert ist wenn sich (vom asta übrigens unabhängige!) Leute dazu entschließen, die Immafeier zu stören, das erklärt vielleicht folgender Bericht von einer AS-Sitzung aus dem Jahr 2004:
AS-Bericht 2004
25. Oktober 2007 at 13:23
Weil die eine Seite keine demokratische Redekultur pflegt, können also die (beteiligten) Studierenden nicht zeigen, wie sie sich demokratische Redekultur vorstellen? Genau wegen solcher Argumente werden auf der halben Welt Kriege geführt (”Weil Saddam böse ist, müssen wir zu bösen Mitteln greifen.”) oder bei uns der Rechtsstaat hintergangen (”Weil Terroristen sich nicht an die Verfassung halten, soll das der Staat auch nicht.”).
Und dass es sich um AStA-”unabhängige” Leute handelt, mag ja auf die einzelnen Rufer und Aktionisten zutreffen, allerdings gab es ringsum, auch von den AStA-tragenden Fachschaftsinitiativen Aufrufe zur Beteiligung an den Aktionen. In der AStA-Pressemitteilung wird das Vorgehen der Protestierenden wohlwollend dargestellt, nicht einmal die Stinkbomben werden kritisiert.
25. Oktober 2007 at 21:51
Die Erstsemester wären also ohne die Aktionen keine StatistInnen gewesen? Das will ich bestreiten, denn die Immafeier ist meines Erachtens so oder so eine große Inszenierung.
Und warum regt sich eigentlich keiner auf, dass irgendwelche Kreditinstitute, Versicherungen, Zeitungen oder parteinahe Organisationen wie die Geier im Foyer rumlungern und nach dem neuen Studierendenmaterial lächzen? Das ist meiner Meinung nach das wirklich perverse an der ganzen Veranstaltung!
Und die Meinung, Stinkbomben rechtfertigten den Einsatz von Zivilpolizisten des LKA, entspricht ja wohl nicht der allgemein bekannten liberalen Kritik am ausuferndem Rechtsstaat, die Ihr doch sonst bestimmt auch vertretet.
Also: Fahne aus dem Wind und weniger staatstragend
25. Oktober 2007 at 22:29
Nun gut, die Polizisten werden wohl eher wegen Bischof Huber vor Ort gewesen sein als wegen Stinkbomben oder Präsident Lenzen. Ob das allgemein nötig ist oder nicht, ist hier aber auch nicht die zentrale Frage. Aber versetz dich für den konkreten Fall einmal in die Rolle eines Polizisten, der innerhalb von Augenblicken entscheiden muss, ob die Stinkbombe vielleicht nur der Auftakt für mehr ist. Ex ante fraglich, sehe ich ex post die Anwesenheit als richtig an.
Deine Kritik an der tatsächlich ausufernden Werbung ist sicherlich absolut berechtigt. Okay. Mich stören die Zeitungsheinis auch massiv. An denen hat sich der Lenzen-Fanclub aber offenbar auch nicht gestört.
26. Oktober 2007 at 0:24
Neenee, Personenschutz sieht ohne Zweifel anders aus. Nachweislich handelte es sich bei einem der Beamten um einen bekannten Zivilpolizisten, der so ungefähr bei jeder politisch linken Demo in Berlin mit dabei ist. Das richtet sich dann doch direkt gegen Studierende dieser Uni.
Deine ex ante/ex post-Konstruktion ist dann leider doch genau die Argumentationslinie, die von der Fraktion Schäuble&Co zur Begründung der Eingrenzung des Rechtsstaats verwendet wird. Da kommst Du auch nicht mehr raus.
Und zuletzt ist der Lenzen-Fanclub ja auch ein echter Lenzen-Fanclub, der natürlich alles unterstützt, was der Präsident uns seine Uni so machen, also auch das Genehmigen kommerzieller Stände.
Aber um mal ein bißchen runterzukommen, ich will mich hier gar nicht durchsetzen, aber es macht grad so Laune…
26. Oktober 2007 at 1:18
Also die Fehde zwischen den radikalen Lenzen-Gegnern und dem Präsidium bzw. tendenziell gewaltbereiten Gruppen und staatlichem Sicherheitspersonal ist ja genauso alt wie unsere Zeitrechnung. Die einen behaupten, sie sind nur gewalttätig, weil sie provoziert werden, die anderen behaupten, sie seien da, weil die einen gewalttätig seien. Am besten wäre, wenn beide Seiten mit Abwesenheit glänzen würden.
Wenn dann bekannte Zivilpolizisten vor Ort sind, richtet sich das zwar “gegen Studierende” der FU, aber nicht “gegen DIE Studierenden” der FU sondern gegen jene, die Aktionen planen und dies sogar mit Stinkbomben umzusetzen bereit sind. Und dass Aktionen geplant waren, konnte jedem, der nur ein wenig die öffentliche Kommunikation der AStA-nahen Kreise im Vorfeld verfolgt hat, klar sein. In diesem Sinne kann man hier also nicht von ungezielt-präventive Maßnahmen seitens der Sicherheitskräfte sprechen - und eben dies ist das, was wir alle gemeinsam zurecht bei Schäuble und Konsorten ablehnen. Es handelt sich um eine von beiden Seiten in Kauf genommene sinnlose Konfrontation, mit der den Erstsemestern ein freundlicher Empfang an der Universität verwehrt wurde. Auch Erstis haben ein Recht, sich selbst eine Meinung zu bilden und nicht von der ersten Sekunde zwischen zwei radikale Fronten gestellt zu werden.
Achja: Haha! dass der Lenzen-Fanclub ein echter Fanclub ist: Aus der Nummer kommst du auch nicht mehr raus.
27. Oktober 2007 at 22:21
Herr Patz,
ich kenne sie nicht und bin als alter Liberaler doch ein wenig verstört, äußere mich daher auch hier.
Sie rechtfertigen hier den Einsatz von Spitzeln, weil diese Spitzel “gegen die Richtigen” eingesetzt werden, so sinngemäß ihre Aussage. Diese seien “die Richtigen”, weil sie Stinkbomben einzusetzen bereit waren (was sich im Nachinein herausstellte).
Nun denke ich an meine Schulzeit (habe 1973 Abitur gemacht) und frage mich, ob die diversen Stinkbomben, die in der Schule geflogen sind, ihrer Ansicht nach Zivilpolizei gerechtfertigt hätten. Sie sehen, dass sie hier gefährliches Fahrwasser betreten haben, denn Sinkbomben sind und bleiben ein harmloser Streich im Gegensatz zur Bespitzelung einzelner Personen oder Gruppen. Diese führt oft bis zum Suizid und gesamtgesellschaftlich zu Vertrauensverlusten in die liberale Demokratie.
Desweiteren ist anzumerken, dass sie hier eine Bespitzelung mit der vermeintlichen Radikalität der Störenden legitimieren. Nach der Logik ist auch die DDR-Spitzelei legitim, wollte doch tatsächlich ein großer Teil der Bespitzelten das System grundlegend ändern und würde somit in die Kategorie “radikal” fallen.
Herr Patz, ihre Polemik ist dann traurig, wenn sie representativ für die liberale Kultur dieser Zeit ist.
Note 6, bitte sitzen sie ein wenig nach, lesen sie die Klassiker, beschäftigen sie sich als Liberaler mit Logiken von Sicherheitsapparaten innerhalb demokratischer Staatlichkeit, damit sie nicht darauf hereinfallen! Auch ein Blick aufs SED-Regime und kritische Vergleiche mit der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2007 möchte ich ihnen nahelegen.
Staatskritik und Bürgerrechte ein elementarer Bestandteil liberalen Denkens. Lassen sie das nicht unter den Tisch fallen
Warum ist in einem liberalen Blog eine Emailadresse erforderlich. Ich will doch anonym sein!
28. Oktober 2007 at 14:07
Hihi, nette Persiflage auf den sich immer weiter selbst übertreibenden Liberalismus. Nun muss sich der Staat also das “wegquotieren” von Meinungen durch schreien und klatschen sowie das “herausstinken” von Leuten aus Veranstaltungen hinnehmen, weil der Staat doch nicht schwach genug sein kann ;-))
Wir lassen uns die Debatte um die Gewalt gegen die freiwillig erschienenen Erstsemester natürlich nicht von denen umdrehen, die nur zur Ablenkung fordern, das zum Schutz der Veranstaltung im Audimax Polizisten in Uniform hätten herumstehen müssen (weil sie ja ohne Uniform Spitzel seien oder Alternativ dazu ganz unerwünschter Privatschutz - bzw. gar Niemand, der die linken Aktivisten hätte bremsen können.) Netter Versuch! Unsere scharfe Kritik an eurer bevormundenden Aktion bleibt bestehen.
29. Oktober 2007 at 0:54
Um Wolf zu ergänzen, der die Persiflage von Dr. Paule schon richtig enttarnt hat, die natürlich auch völlig absichtlich übergeht, dass ich überhaupt nicht von getarnten Spitzeln gesprochen hatte (die mit der Verhinderung von anti-demokratischen Handlungen die Demokratie verhindern):
Die intelligenten Liberalen und Nicht-Liberalen haben längst erkannt, dass “Email erforderlich” ohne große Kreativität umgangen werden kann - alles von ihrkoenntmich@arschleck.en bis falschspieler@liberale.de akzeptiert das System ohne Probleme. Wir testen dann auch nicht, ob wir neoliberalen Spam an diese Adresse schicken können.
29. Oktober 2007 at 10:52
“Die intelligenten Liberalen und Nicht-Liberalen haben längst erkannt, dass “Email erforderlich” ohne große Kreativität umgangen werden kann - alles von ihrkoenntmich@arschleck.en bis falschspieler@liberale.de akzeptiert das System ohne Probleme.”
Auch “Namen erforderlich” kann mit etwas Krativität ohne Probleme umgangen werden. So kann da statt “Thomas Eichentopf” auch “Erstsemester” und statt “Wolf Dermann” “Erstsemesterin” stehen. Das diese Kommentatoren dann “ganz zufällig” der LHG nach dem Mund reden? Auch das fällt dem System nicht auf! Macht euch klar, die wirklichen liberalen sind an dieser Uni längst schon andere!
29. Oktober 2007 at 16:45
Lieber “Götz”,
der du als Mitglied der AStA-tragenden Liste “Semtix” einen Decknamen verwendest (deinen Klarnamen nenne ich hier nicht öffentlich, weil du es ja offensichtlich selbst nicht tun möchtest), wenn du unsere Philosophie und unser Öffentlichkeitsarbeit hier im Blog während der letzten drei Jahre richtig verfolgt hast, wirst du gesehen haben, dass wir unsere Beiträge im Gegensatz zu allen anderen Blogs an der Hochschule stets unter unserem vollen Namen publizieren, weil jeder von uns zu dem steht, was er/sie schreibt. Anzunehmen, dass wir uns selbst freundliche Kommentare schreiben, ist daher absurd (selbst wenn es technisch natürlich möglich ist).
Wer der “Erstsemester” ist, weiß ich nicht, mit der “Erstsemesterin”, die eine echte Erstsemesterin ist, habe ich bereits persönlich Kontakt gehabt und kann dir versichern, dass sie trotz langer Haare dem Wolf nicht sehr ähnlich sieht.
Transparenz, Offenheit und der Kantsche Imperativ sind (für mich) liberale Grundwerte und politische Verhaltensweisen, die ansonsten an dieser Hochschule nur wenige Menschen und Gruppen pflegen. Nur wer offen seine Meinung sagt, kann für diese auch kritisiert werden. Und wer möchte, dass Demokratie keine Einbahnstraße ist, muss immer mehrere Seiten zu Wort kommen lassen. Wir kritisieren daher nicht nur, sondern stellen uns auch eurer Kritik, wissend, dass wir auch mal im Unrecht oder anderer Meinung sein können. Dafür gibt es demokratischen Diskurs.
Dafür brauchen wir kein Tarnlisten, Decknamen, Pseudonyme oder Gruppenzwänge, die vorschreiben, was wir sagen dürfen und was nicht!
Und: Wenn es andere an der Hochschule gibt, die “liberaler” sind als wir - dann ist das ein Grund zur Freude. Ich wäre dankbar, wenn du mich ihnen vorstellen könntest!
2. November 2007 at 3:25
[…] des sogenannten “Lenzen-Fanclubs” im Rahmen der Imma-Feier - ist hier im Blog bereits ausführlich diskutiert […]
3. November 2007 at 21:24
[…] ist offenbar ein weiterer Eintrag im LHG-Blog über die Störung der Immafeier. Dort kam es in den Kommentaren zu einer längeren […]
3. November 2007 at 23:11
Vielleicht hat die ganze Aktion ja doch etwas gebracht - dass die Erstis sich aktiv in die Universitätspolitik einbringen und so der Minderheit der demokratiefeindlichen “linken” Störer und Selbstdarsteller eine demokratische, tolerante und friedliche Mehrheit entgegenstellen.
@Ronny: Danke, dass Du nicht aufgibst, gegen geschlossene Weltbilder zu argumentieren; schöner Beitrag…