Gedanken zur Sitzung des FBR-Polsoz vom 23.1.
Michael KochLehre, Akademische Gremien, Hochschulpolitik, FU 19 Kommentare »Wenn ich mir so Gedanken mache, darüber sinniere, an welchen Orten man wohl am leichtesten, schnellsten, gründlichsten seinen Idealismus verlieren kann, hätte ich mich bis gesternMorgen wohl nicht recht entscheiden können. Als ich aber dann ca. 11:oo Uhr den Hörsaal B im OSI verließ, stand meine Wahl fest: es ist ganz eindeutig die Uni! Wenn es die Lerninhalte und manche Mitstudierende noch nicht geschafft haben, dann schafft mit Sicherheit eine Sitzung des FBR PolSoz, wie die von heute morgen. Was war passiert?
Wichtigster Tagesordnungspunkt gestern waren die Pläne des Präsidiums zu einer Neuordnung der sozialwissenschaftlichen Bibliotheksstruktur und deren Bestände. Und zu diesem Anlass ließ sich sogar FU-Vize-Präsidentin Lehmkuhl das Erscheinen nicht nehmen, in der Absicht, einige Konfusion am Fachbereich zu beseitigen. Denn jene ist groß, unter Lehrenden, Studierenden und natürlich auch unter den Bibliotheks-Angestellten. Für Aufregung sorgen vor allem Zahlen, nach denen im Zuge der geplanten Integration der FB-Bibliotheken in die UB mehrere Hunderttausend Bücher (von bis zu 500.000 Exemplaren ist die Rede) aussortiert und an eine litauische Universität gespendet werden sollen.
Laut Fr. Lehmkuhl sehen die Pläne des Präsidiums wie folgt aus: die Bibliotheken des FB PolSoz sollen in zwei Schritten neu geordnet werden. In einem ersten Schritt, sollen die Bestände der verschiedenen Fachrichtungen in den bestehenden Räumlichkeiten integriert werden. Zu diesem Zweck sollen im OEI wenig genutzte Exemplare aussortiert werden, um Platz zu schaffen für die Bestände der Publizistik, deren Bibliothek von Lankwitz nach Dahlem zieht. Die ausgesonderten OEI-Exemplare sollen dann in Lankwitz eingelagert werden. Durch diese Neuordnung soll in Dahlem eine auf aktuelle und viel frequentierte Literatur spezialisierte Lehr- und Forschungsbibliothek entstehen, in Lankwitz soll der Bestand vor allem für Forschungszwecke zur Verfügung stehen. In einem zweiten Schritt sollen dann die konzentrierten Dahlemer Bestände in eine für ca. 15 Mio. Euro ausgebaute UB integriert werden. Konkrete Planungen gebe es allerdings für die zweite Stufe nicht, nur Ideen, die jetzt mit den Beteiligten diskutiert werden sollten.
Fr. Zehrer, ihres Zeichens Bibliotheks-Verantwortliche am FB fügte hinzu, dass aufgrund von Platz- und Geldmangel schon seit Jahren die Bestände reduziert werden mussten. Zudem sei die Aufregung aufgrund dessen, dass es ja schließlich ein verstärktes Angebot an Online-Ressourcen und schließlich in Berlin noch eine Unzahl weiterer Bibliotheken gäbe, übertrieben. In den Kellern der Magazine würden die Bücher sowieso teilweise verschimmeln, aufgrund des in die Räumlichkeiten eintretenden Wassers.
Das, was man nur mit einer gehörigen Portion Kulanz noch als Debatte bezeichnen kann, drehte sich nun um zwei Punkte:
a) Wie viele Bestände werden denn aussortiert?
b) Welche Konsequenzen hat dieser Prozess für die Lehre und die “Identität der Bibliotheken”?
Hinsichtlich Punkt a) sind ist die Informationslage, seien wir wohlwollend, chaotisch. Fr. Lehmkuhl sprach nach Schätzungen, nach denen es ca. 100.000 sein sollen. Anwesende Studierende wiesen sie darauf hin, dass sie selbst von Zahlen zwischen 350.000 und 500.000 Exemplaren sprach. Fr. Lehmkuhl fühlte sich missverstanden, falsch zitiert, sie kenne die Quelle dieser Zahlen nicht. Wie könne es schließlich auch konkrete Zahlen geben? Man befinde sich ja noch am Anfang der Planungsphase.
Und Punkt b)? Dieser wurde zwar immer wieder angesprochen, aber richtig diskutiert? Wohl kaum.
Obwohl, richtig diskutiert wurde bei dieser Veranstaltung ohnehin nicht. Neben einer bemühten, aber zeitweise recht hilflos wirkenden Fr. Lehmkuhl saß eine Dekanin Fr. Riethmüller, die sich einerseits penibel an ihre Redeliste halten wollte, sich selbst jedoch ständig das Wort erteilte. Zwischendurch schrien sich die Protagonisten der Veranstaltung auch an, polemisierten, ja beschimpften sich fast. Wer glaubte, Universitäten seien ein Ort, an dem sachlich, niveau- und respektvoll miteinander diskutiert werde um gemeinsame Probleme zu lösen, hätte Hörsaal B heute mit Depressionen verlassen. Gott sei Dank hat mich der letzte Wahlkampf schon auf das Schlimmste vorbereitet.
Das einzige, was von allen Beteiligten begrüßt wurde, war die Idee eines ‘Runden Tisches’, die Fr. Lehmkuhl mitgebracht hatte. An diesen sollten sich die Beteiligten setzen und miteinander den besten Weg beraten können. Klingt gut, wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler: studentische Vertreter sollten direkt gar nicht an diesem beteiligt sein. Man kenne die Interessen der Studierenden schließlich (Fr. Lehmkuhl: “Ich habe auch mal studiert.”) und Fr. Riethmüller versuchte durch den Zusatz, die Studierenden seien ja über das Dekanat quasi mitvertreten, diesem Argument wenigstens den Anschein einer argumentativen Unterfütterung zu geben. Sie könne ja aber auch jemanden mitnehmen, als Gasthörer. Muss ich es jetzt ausführen, warum sich jene, die von diesem Prozess mit am meisten betroffen sind, nämlich die Studierenden, irgendwie verkohlt vorkommen müssen, wenn sie auf die Erlangung von Informationen, auf die sie Anspruch haben, auf die Gnade der Dekanin angewiesen sind? Es ist ja schön und gut, dass das Präsidialamt zu versuchen scheint, seine verfehlte Informationspolitik in dieser Angelegenheit zu korrigieren. Aber ob das so funktioniert? Ich sehe da schwarz!
Und was ist mit konkreten Ergebnissen? Auf studentischen Antrag hin wurde beschlossen, die bestehende Bibliothekskommission am Fachbereich durch Vertreter aller betroffenen Gruppen zu erweitern. Jenes Gremium solle die aktuelle Situation erheben, Probleme identifizieren und Lösungsvorschläge erarbeiten. Bis dahin solle der FBR PolSoz die Diskussion ergebnisoffen halten und keine irreversiblen Fakten schaffen. In diesem Gremium sollen auch Studierende vertreten sein. Fragt sich nur eines: Welche? Meiner Meinung nach sieht die Gremienstruktur deutscher Unis für so etwas Fachschaftsräte vor. Moment, da war doch was! Wurden die nicht erst gewählt? Ständig hörte man heute von demokratischen Prozessen, die doch bitte eingehalten bzw. installiert werden sollen. Warum kein Zeichen setzen, und auf Seite der Studierenden damit anfangen? Was daneben bleibt sind Konfusion und viel böses Blut zwischen Präsidium, Dekanat, Studierenden und Bibliotheks-Angestellten in allerlei Kombinationen.
Ich persönlich frage mich, ob man die für den UB-Ausbau eingeplanten Millionen nicht so einsetzen könnte, dass die Bibliotheksstruktur am Fachbereich verbessert, die Bestände möglichst erhalten werden? Oder womöglich ist eine sozialwissenschaftliche Super-Bibliothek wirklich das Beste für alle Beteiligten unter den gegebenen Umständen. Ganz ehrlich, ich weiß es einfach nicht. In einer angemessenen Manier sollte dies jedoch herauszufinden sein, und zwar von allen Betroffenen, und das sind ja in erster Linie die Studierenden, die mit den Beständen arbeiten sollen, müssen und vor allem wollen. Ich denke, Bibliotheken sollten nicht auf das reduziert werden, was unmittelbar gebraucht wird, was anscheinend einen Nutzen bringt. Sie sind das akademische Gedächtnis einer Universität, und sollten nicht unüberlegt durch eine wegen (zweifelsohne durchaus vorhandenen) Sachzwängen verordnete Diät in die Anorexie getrieben werden. Darunter würden nicht nur die ohnehin schon oftmals zu beweinende Lehre, sondern auch die Forschung und der Ruf der gesamten Universität leiden. Und das kann doch, ebenso wenig wie die Transformation mancher Studierender in weltverachtende Zyniker durch die Zerstörung ihres Idealismus in akademischen Gremien (ein Weg, auf dem ich mich mittlerweile befinde), in niemandes Interesse sein.