Der ÖRecht-Skandal - Von unnötigen Fehlern
Thomas EichentopfLehre, Hochschulpolitik, FU Kommentar schreibenWas war überhaupt passiert? Nun, aufgrund der großen Zahl an Studierenden konnte die Klausur nicht gesammelt in einem Raum geschrieben werden. Üblicherweise beginnen solche Klausuren in den unterschiedlichen Räumen bei den Wiwis dann im Abstand von 15 Minuten. Nicht so in diesem Semester, als immerhin noch eine ganze Stunde zwischen Ende der Klausur der ersten Gruppe und Beginn der Klausur der zweiten Gruppe lag. Ein Student beschwerte sich anschließend, dass es zwischen den Klausuren zu inhaltlichen Hinweisen an die zweite Gruppe und damit zu einer Übervorteilung dieser gekommen sein. Der Prüfungsausschuss untersuchte den Vorfall und entschied, dass für die zweite Gruppe eine Wiederholung angeordnet werden müsse.
Bei näherer Betrachtung enttarnt sich ein Gewirr schlampiger Verfahren, das, wäre der Anlass nicht so dramatisch, zu sarkastischem Lächeln verleitet: Ausgerechnet die Klausur im Öffentlichen Recht scheitert an den Hürden desselben. So ist einerseits nicht klar, warum überhaupt so ein großer Abstand zwischen den Klausuren gelassen wurde. Unverständlich auch, warum nicht zumindest das Treffen der Studierendend er verschiedenen Gruppen unterbunden wurde, indem etwa die erste Gruppe nach der Klausur noch im Raum geblieben oder der Einlass für die andere Gruppe vorgezogen worden wäre. Selbst, wenn die Raumvergabe nicht anders möglich gewesen wäre: Immer noch wäre es einfach gewesen, für die zweite Gruppe eine (und sei es nur im Detail) abweichende Klausur zu stellen. Die problematische Terminierung war Wochen vor der Prüfungszeit bereits bekannt und insofern kann niemand behaupten, er wäre dadurch überrascht worden. Gerüchten zufolge hat das Prüfungsamt den Lehrstuhl sogar darauf hingewiesen, aber den Einwand nachher nicht wieder aufgegriffen, heißt es in einer E-Mail des Fachschaftsrats Wirtschaftswissenschaft an Präsident Lenzen.
Der Ärger darum ist nun zwangsläufig. Ich will den Studenten in Schutz nehmen, der sich wahrscheinlich den Unmut vieler Kommilitonen zugezogen hat, die nun zu einer Nachholklausur gezwungen sind. Es ist sein Recht, seine Stimme zu erheben, wenn er eine Benachteiligung sieht. Die Schuld liegt hier eindeutig beim Prüfungsamt und beim beteiligten Lehrstuhl. Dennoch sind die Folgen dramatisch: Betroffen sind etwa 130 Bachelor-Studierende, also mehr als die Hälfte des Jahrgangs. Ihnen bleiben nun etwas mehr als zwei Wochen, um sich auf die Nachprüfung am 26.4. einzustellen. Prof. Hundsdoerfer, Vorsitzender des Prüfungsausschusses, begründet dies mit (allerdings sogar einleuchtenden) Terminzwängen. Da kommt zu keinem Glück dann auch noch Pech dazu.
Die Erfolgschancen der Teilnehmer haben sich dadurch enorm verschlechtert, denn viele werden nicht mehr im Stoff stehen und müssen sich gleichzeitig auch mit dem wieder beginnenden Semester auseinandersetzen. Ohnehin gilt die Klausur im Öffentlichen Recht als hohe Hürde. Der FSR Wiwiss fordert in seiner E-Mail an Präsident Lenzen nun dazu auf, die Studierenden zumindest durch Erleichterungen wie etwa eine thematische Eingrenzung zu unterstützen. Weil ja aber gerade die fehlende Gleichbehandlung der Gruppen Anlass zur Neuansetzung war, wird wohl genau das nur schwer möglich sein.
Ein Treffen des FSR mit den Betroffenen am Montag soll das weitere Vorgehen abstecken. Was immerhin ein Anfang wäre, wäre eine öffentliche Entschuldigung der Verantwortlichen an den Geschädigten. Es darf aber nicht dabei bleiben. Wie wahrscheinlich ist es nun, dass innerhalb einer Stunde Studierende in einem komplexen Fach noch einen wirklichen Vorteil erzielt haben? Nach einer Aussage wie “A klagt beim Verfassungsgericht gegen die Höhe der Steuern ein” weiß man zwar, dass das Verfassungsrecht angewendet werden muss, doch reicht das wohl nicht, um von einem echten Vorteil zu sprechen. Wer Verfassungsrecht bis dahin nicht drauf hat, lernt es dann auch nicht mehr. Aber auch eine solche Bagatellisierung des ursprünglichen Problems öffnet Tür und Tor für ungewollte Konsequenzen.
So bleiben nun zahlreiche Studierende, die durch Schuld jener, die ihnen ein zügiges Studium ermöglichen sollten, in Gefahr sind, ihre Studienziele zu verfehlen und an Zeit zu verlieren. Dabei ist dies nicht das einzige Problem mit dem Prüfungsamt am Fachbereich. Die Ausweitung des Klausurzeitraums auf fünf Wochen und die späte Bekanntgabe der Klausurtermine erst nach zwei Monaten im Semester sorgen nicht gerade dafür, dass Studierende der Wirtschaftswissenschaften ihre vorlesungsfreie Zeit sicher durchplanen können. Dadurch erleiden sie im Wettbewerb um Praktikumsplätze gegenüber Kommilitonen anderer Hochschulen einen gravierenden Nachteil. Verwiesen wird da auf die Komplexität, einen Klausurplan zu erstellen - aber Dutzende andere Hochschulen, ja, Fachbereiche an der eigenen Uni scheinen einen gangbaren Weg gefunden zu haben, damit umzugehen.
Der Skandal um die Klausur im Öffentlichen Recht ist daher nur die Spitze des Eisbergs und muss nun Anlass dafür sein, dass es im Prüfungsamt Wirtschaftswissenschaft zu einschneidenden Veränderungen kommt. Die heutigen Abläufe sind so nicht länger tragbar und den Anforderungen der Bachelor-Studiengänge offenbar nicht mehr gewachsen. Die Aussichten, den jetzigen Opfern des Skandals zu helfen, sind wohl gering. Immerhin sollten aber alle Beteiligten dafür sorgen, dass derlei Versäumnisse nicht wieder vorkommen, ja, nicht mal mehr möglich sind.
13. April 2008 at 22:53
Ich kann es einfach nicht fassen, dass es solche Leute gibt. Ist doch schön, wenn die aus der zweiten Klausur ein paar Tipps bekommen haben. Sich über eine “Übervorteilung” anderer zu beschweren ist dabei für mich einfach nicht nachvollziehbar. Und von Benachteilung darf man da sogar objektiv nicht sprechen. Inwiefern denn benachteiligt? Ein Hoch auf den neuen Zeitgeist an den Universitäten… ICH ICH ICH gegen die anderen!
15. April 2008 at 23:42
Stimmt nicht ganz. Denn die aus der ersten Klausur könnten noch aufgewertet werden, wenn der Schnitt insgesammt so schlecht ist, dass zu viele durchfallen. Dass diese Wahrscheinlichkeit hoch ist, dazu will ich hier nichts mehr schreiben.
20. April 2008 at 17:56
[…] mit dem Schock, unerwartet eine Klausur wiederholen zu müssen. Auch hier im LHG-Blog griffen wir das Thema auf. Zwischenzeitlich gab es am Fachbereich einigen Wirbel, worüber der […]