FU-Vollversammlung: kaum Interesse am Protestsemester

Wolf DermannHochschulpolitik, FU, Allgemeines Kommentar schreiben

Trotz großer Vorankündigung über Wochen mit farbigen Plakaten und Fachbereichs-Vollversammlungen zur Einstimmung kamen heute am großen Tag der Uni-VV lediglich 210 Studis (Zählung zur Hochzeit um 15 Uhr) im Hörsaal 1a zusammen. 99,4% der Studierenden hatten scheinbar besseres zu tun, als mit der Vollversammlung ein großes Protestsemester einzuläuten.

Auch die Diskussion auf der Vollversammlung drehte sich hauptsächlich darum, wie man denn mehr Studentinnen und Studenten mobilisieren könne. Öfter wurde gefordert, mit konkreten Zielen statt allein der Aussicht auf Proteste zu mobilisieren. Das Problem zeigte sich schon bei den Eingangsvorträgen. Da ging es um die Bibliothekszusammenlegung, bei der die Aufzählung der Gegenargumente - neuere Räumlichkeiten, moderene IT-Ausstattung, längere Öffnungszeiten - eher nach hinten losging. Da wurden die Probleme der schon seit drei Jahren modularisierten Studiengänge angeführt, genau wie der seit Jahrzehnten gleichbleibend schlechte Einfluß der Studierenden in den Gremien. Alles keine Themen also, die einen aktuellen Leidensdruck bei den Studenten hervorzurufen vermögen, so scheint es.

Die Organisationsgruppe machte allerdings nicht den Eindruck, als wenn sie sich von der schlechten Resonanz sowohl auf die Fachbereich-VVs als auch die Uni-VV von ihren umfangreichen und für die Studierendenschaft sicherlich recht teuren Planungen für eine Campwoche und eine Aktionswoche mit gedruckten KVVs, Konzerten, Aktionscamps etc. abbringen lassen wollte. Der AStA, trotz allem wohl von der Sinnhaftigkeit solcher Proteste zum jetzigen Zeitpunkt überzeugt, wird solche Finanzanträge offenbar durchwinken. Eine Kommilitonin schlug gar einen Studentenstreik mit den wenigen Leuten unter dem Motto “klein, aber gemein” vor.

Zumindest fand aber auch mein Vorschlag, sich erst einmal vor Ort an den Fachbereichen für Verbesserungen einzusetzen, also öfter mal bei den Professoren mit Forderungen am Institut auf der Schwelle zu stehen, einige Zustimmung. Schließlich stehen u.a. große Überarbeitungen der Studienordnungen der Bachelorstudiengänge an, die man einfordern muss und die sehr zeitaufwendig sein können. Das ist zwar weniger öffentlichkeitswirksam, birgt aber wohl deutlich mehr Chancen für positive Veränderungen, als übers Knie gebrochene Proteste weniger Leute.

5 Reaktionen zu “FU-Vollversammlung: kaum Interesse am Protestsemester”

  1. Verhältnismäßig schwache Vollversammlung « FUwatch

    […] beschlossen wurde (Vollversammlung erklärt nächstes Semester zum Protestsemester”). Wolf schreibt im LHG Blog, er habe auf dem Höhepunkt der Veranstaltung 210 Studierende gezählt, was gut hinkommen […]

  2. Aziel

    Wie du darauf kommst, die Kommilitonin hätte einen Studierendenstreik vorgeschlagen, ist mir erstmal schleierhaft.

  3. Wolf Dermann

    Sie hat ja zweimal gesprochen und soweit ich aufgepasst habe, hat sie beides mal das Wort Streik benutzt, in dem angesprochenen Fall sprach sie, wie ich mir aufgeschrieben hatte, auch wörtlich von einem Motto für den “Studierendenstreik”.

  4. MaxF

    Auch wenn dieser Beitrag mehr oder weniger die Realität auf der Vollversammlung wiedergibt finde ich es äußerst bedauernswert, dass der Versuch, Studierende zu politisieren und zu engagement zu bewegen hier konsequent kleingeredet wird. Ich verstehe noch nicht einmal aus Sicht der LHG, warum neben der geforderten Notwendigkeit “sich erst einmal vor Ort an den Fachbereichen für Verbesserungen einzusetzen, also öfter mal bei den Professoren mit Forderungen am Institut auf der Schwelle zu stehen” nicht auch ein breiter studentischer Protest gegen leider nicht offensichtliche Probleme angestrebt werden sollte. Die mangelnde Bereitschaft, an der Vollversammlung teilzunehmen geht Hand in Hand mit der geringen Wahlbeteiligung fürs Stupa.
    Warum die Aufzählung der Gegenargumente nach hinten los ging, ist mir schleierhaft und spiegelt nicht das Stimmungsbild auf der Versammlung wider.

  5. Wolf Dermann

    Nun führt aber der aktuelle Versuch, Proteste “von oben” zu organisieren gerade nicht dazu, dass ein breiter studentischer Protest entsteht. Wenn es an der Basis nicht rumort, dann kann man sich noch so auf den Kopf stellen, wie die VV gezeigt hat. Große Proteste hatten immer aktuelle Anlässe, die nicht erst über eine große Kommunikationsmaschinerie den Studis verklickert werden musste. In solchen Fällen politisieren und engagieren sich die Studenten ja auch immer selbst schon.
    Für mich war es plakativ, dass auf der VV neben jahrelang bestehenden allgemeinen Problemen nur noch mit dem Bibliotheksthema eingeleitet wurde. Und in meiner Ecke sorgte es nunmal eher für Unverständnis, sich gegen neue Bibliotheksräume, mit besserer Ausstattung und längeren Öffnungszeiten einzusetzen, nur weil es in dem Zusammenhang auch einzelne “drawbacks” geben könnte.
    Zu einem notwendigen aktuellen Protest, wie etwa gegen eine unmittelbar bevorstehende Einführung von Studiengebühren, würden wir höchst aktiv mitmobilisieren - nur da bräuchte es wahrscheinlich nicht einmal mehr jemanden der mobilisiert. Versuchte Protestsemester nach Kalender sind hingegen nur Personal- und Geldverschleiß.

Einen Kommentar schreiben