Eine liberale Perspektive auf den Bildungsstreik

Kristina KaempferHochschulpolitik, FU Kommentar schreiben

Die Deutschen sind mittlerweile verhältnismäßig streikerprobt. Ob es nun die Deutsche Bahn, die Mitarbeiter der Kitas, Metallarbeiter in Baden-Württemberg oder Berliner Lehrer sind, ständig wird irgendwo gestreikt. Es geht um bessere Bezahlung, bessere Arbeitszeiten, bessere soziale Absicherung etc. Nun steht uns der nächste Streik ins Haus: der Bildungsstreik! Vom 15.-19. Juni wollen Studierende aus der ganzen Bundesrepublik die “Arbeit” niederlegen, um ihre Anliegen gegen ihre “Arbeitgeber” durchzusetzen. Klingt komisch? Ist aber so! Klingt widersinnig? Ist es auch! Bereits vor vier Jahren gab es einen Bildungsstreik. Eine Handvoll Studierender veranstaltete Sit-ins vor ihren Unis um ihre Vision eines akademischen Paradieses für alle zu verwirklichen. Was hat diese Aktion gebracht? Die Tatsache, dass im Jahr 2009 ein neuer Bildungsstreik geplant ist, beweist allein schon, dass der damalige keinerlei Auswirkungen hatte, keinerlei Verbesserungen brachte.

Wir von der Liberalen Hochschulgruppe wollen euch hochschulpolitische Alternativen aufzeigen und uns vom Bildungsstreik - der nämlich gerade nicht von DEN Studierenden, sondern nur einem kleinen Teil getragen wird - distanzieren.

Wir stehen für nachhaltige und konstruktive Hochschulpolitik und sind gegen die Vermischung mit Kapitalismuskritik!

Unzählige Flyer und Plakate säumen inzwischen den täglichen Gang eines Studenten auf dem Weg von der U-Bahn zum Vorlesungssaal. Diverse Gruppierungen fordern dort neben freier und qualitativ hochwertiger Bildung, globaler Gerechtigkeit und der Dekonstruktion von Geschlechtern die Abschaffung des Kapitalismus. Manch einer mag sich fragen: was hat das erste mit den anderen dreien zu tun? Die Antwort ist ziemlich einfach: Nichts! Die Kritik der Situation an den Hochschulen wird verbunden mit Kritik am politischen und wirtschaftlichen System. Klassenkampfrhetorik findet so Eingang in eine bildungspolitische Debatte, in der sie nichts zu suchen und obendrein noch kontraproduktiv ist.

Um die Situation an den Hochschulen zu verbessern, braucht es mehr als einer viertägigen Großveranstaltung alle vier Jahre, sondern eines konstanten und gestalterischen Engagements der Studierenden für ihre Universitäten. Nachhaltige Verbesserungen der Lernbedingungen entstehen nicht in einer Woche durch den Ausdruck einer destruktiven Anti-Haltung. Sie bedürfen einer stetigen, verlässlichen und konstruktiven Teilnahme am bildungspolitischen Diskurs innerhalb und außerhalb der Universitäten. Nur so können wir Studierenden unseren Anliegen wirksam Gehör verschaffen.

Wir sind ein permanent ansprechbarer und verlässlicher Vertreter Eurer Interessen. Die LHG vertritt seit Jahren studentische Forderungen in zahlreichen studentischen und akademischen Gremien, gegenüber Dozierenden, der Verwaltung und der Politik.

Wir verlangen einen verantwortungsbewussten Umgang der ASten mit dem Geld der Studierenden!

Einige ASten unterstützen die Organisation des Bildungsstreikes mit teils großzügigen Spenden. Doch diese Mittel stammen nicht irgendwo her, sondern aus den Geldbeuteln der Studierenden. Angesichts der doch zu erwartenden geringen Auswirkungen des Streiks muss man sich ernsthaft fragen, ob dieses Geld gut angelegt ist oder ob man es für bessere Zwecke hätte einsetzen können. Nicht zuletzt, da die Studierenden nicht einmal in der Mehrheit diese Aktion unterstützen - in den sogenannten “Voll”versammlungen, welche den Streik beschlossen haben, war nicht einmal ein Prozent der Studierenden anwesend. Versammelt war nur eine kleine Minderheit politisch links stehender Aktivisten, die wieder einmal ihre Überzeugungen für die Meinung aller verkaufen wollen. Dass sich nur so wenige an Beschluss und Organisation des Streiks beteiligten zeigt, wie wenig Unterstützung er erfährt. Angesichts dieser und der Tatsache, dass der letzte Streik nichts brachte und der jetzige vermutlich ebenfalls nichts bringen wird, ist die Verwendung von Geldern der Studierenden für seine Organisation in keinster Weise legitim.

Wir setzen uns einer solchen Vergeudung von Studierendengeldern zur Wehr und verlangen einen verantwortungsbewussten Umgang der ASten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Finanzmitteln ein. In Berlin stehen den Studierendenschaften jährlich mehrere hunderttausend Euro zur Verfügung. Diese sind nicht für die Verwirklichung ideologischer Träumereien einer linken Funktionärselite gedacht, werden jedoch durch undurchsichtige Haushaltspolitik und mangelnde Rechenschaftspflicht der ASten zweckentfremdet. Wir fordern, dass diese Gelder in Eurem Sinne dafür eingesetzt werden, wofür sie gedacht sind: das Leben und Lernen an unseren Unis angenehmer zu machen.

Wir fordern eine sinnvolle Ausgestaltung der noch jungen Bachelor- und Masterstudiengänge!

 Man mag ja vom Bologna-Prozess halten was man will (wir jedenfalls waren dagegen). Fakt ist jedoch: er ist schon längst an den Hochschulen angekommen und er wird sich nicht mehr umkehren lassen. Anstatt unsere Energien (und unsere Gelder) in sinnlose Protestaktionen zu investieren, sollten wir uns darauf konzentrieren, das neue System in unserem Sinne mitzugestalten und somit zu verbessern.

Wir als LHG setzen uns in vielfältiger Art und Weise dafür ein, Studien- und Prüfungsordnungen studierendenfreundlich zu gestalten und bringen Ideen in die Ausgestaltung von Studiengängen ein. Ein Studium soll fordern, aber nicht überfordern. Angemessene Leistungsanforderungen, möglichst große Freiheiten bei der Gestaltung des Studiums, Zeit für Auslandsaufenthalte - dies sind nur einige Punkte, die wir für Euch in den zuständigen Gremien vertreten. Das mag vielleicht nicht so viel Aufmerksamkeit erhaschen wie ein Bildungsstreik, bringt jedoch langfristig Verbesserungen für uns alle.

Die Lage der deutschen Hochschulen ist schlecht. Wir als Studierende werden nicht zu deren Verbesserung beitragen indem wir uns a) durch die Verweigerung unserer Ausbildung selbst schaden und b) unsere Anliegen durch für die Weltanschauung der politischen Linken instrumentalisieren lassen.

Anstatt eure Energie in eine viertätige Kampfveranstaltung gegen alles und jeden zu stecken, würden wir uns freuen eure Vorschläge und Ideen an der Hochschulpolitik teilhaben zu lassen. Helft uns auf eine vernünftige Art und Weise die Situation an unserer Universität auf lange Sicht zu verbessern!

20 Reaktionen zu “Eine liberale Perspektive auf den Bildungsstreik”

  1. Stefan

    Liebe LHG,

    durch eure reflexartige Distanzierung vom Bildungsstreik habt ihr euch zur Abwechslung mal selbst politisch isoliert. Ihr merkt es nur überhaupt nicht und redet immer noch davon, dass der Streik von einigen wenigen getragen wird. Zur Info: Selbst Großorganisationen wie die GEW unterstützen den Streik. Und unser Unipräsident will gucken, dass Studierende und Beschäftigte am 17. Juni zur Demonstration gehen können, ohne Nachteile zu haben. So sieht es aus. In zwei Wochen wird es einen der größten Bildungsproteste der letzten Jahre überhaupt geben - Und ihr seid nicht dabei. Vielleicht hat das ja doch ideologische Gründe, obwohl ihr als selbsternannte Pragmatiker_innen das natürlich abstreitet. Aber wer einer (neo-)liberalen Ideologie anhängt, wird am Ende eben nicht gegen ein (neo-)liberales Bildungssystem protestieren. Viel Spaß beim vernünftig sein…

  2. Wolf Dermann

    “Und ihr seid nicht dabei” - Hmm, die Angst nicht zur großen konformen Masse zu gehören fehlt uns Liberalen irgendwie grundsätzlich. Sag lieber “Buh!”, das schreckt uns eher.

  3. Marvin

    Also, ich hab mich bei diesem Artikel wirklich angestrengt ein substanzielles Argument gegen den Bildungsstreik zu finden, aber da ist einfach keins?!

    Die Argumentation ist nun wirklich etwas grobschlächtig geraten. Bei mir muss der Eindruck entstehen, dass es eine Art Apologetik oder Rechtfertigungsschrift für die Nichtbeteiligung am Bildungsstreik darstellen soll? Oder wie sind larmoyante Äußerungen wie “dies sind nur einige Punkte, die wir für Euch in den zuständigen Gremien vertreten. Das mag vielleicht nicht so viel Aufmerksamkeit erhaschen wie ein Bildungsstreik,[…].”, zu verstehen?

    Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch zwischen Gremienarbeit und “außerparlamentarischer” politischer Aktion/ sozialen Bewegungen. Ganz im Gegenteil, ersters kann letzteres ungeheuerlich befruchten und dynamisieren. Was sollte es bringen zwischen beiden Aspekten einen künstlichen Gegensatz aufzumachen? Inwiefern ist “reine Gremienarbeit” ohne Rückkoppelung zu “außerparlamentarischer” politischer Aktion einem Mischgebilde überlegen? Wo soll denn der Druck herkommen, wenn man in allen Gremien als Studenten über eine marginale Stimmenzahl verfügt? Immer nett bei den Professoren fragen bis die mal ja sagen, erscheint mir da etwas naiv zu sein.

    Zweifellos kann man bei manchen Fragen auch über gute Argumente Mehrheiten erzielen, was ist aber bei strittigen Fragen, wo Widerstand zu erwarten ist? Da kann man sich nicht nur in Formalismen bewegen.

    Und beim Bildungsstreik geht es letztlich nicht mal um feinsinnige Argumentationen - freilich kann man die dazu ausarbeiten und das wird ja durchaus auch getan. Es geht zunächst wirklich schlicht um mediale Aufmerksamkeit und erst so kann dann der erwähnte Bildungsdiskurs größere Resonanz finden. Inwiefern man in diesem Punkt einfach sagen kann, “Gremienarbeit ist besser” ohne die Interdependenzen zwischen politischer Aktion und Gremienarbeit zu reflektieren, ist mir schleierhaft.

    Genauso schleierhaft ist mir, warum man den Bildungsdiskurs derart verengen sollte, wie es hier getan wird. Es gibt nunmal andere Bereiche (bspw. wirtschaftliches System), die sich massiv auf den Bildungsbereich auswirken. Es ist ein wirklich evidenter Fakt, dass seit der Staatskritik der 80er Jahre betriebswirtschaftliche Kategorien mehr und mehr (zumindest propagiert) in öffentliche Bereiche Einzug halten (neue öffentliche Steuerungsmodelle in den Kommunen, PPP, Leistungsanreize im Wissenschaftsbereich). Wer diese Debatte in der nötigen Tiefenschärfe führen will, muss das freilich mit einbeziehen.

    Im Übrigen, auch diese Bemerkung gestattet, ist mir unklar geblieben, inwiefern der Beitrag eine “liberale Sicht” verkörpert. Mir ist kein namhafter Wissenschaftler bekannt, der liberal mit formalistisch übersetzen würde (und den Eindruck musste ich nach Lektüre dieses Beitrags schon gewinnen). Vielmehr noch gibt es ja durchaus Spielarten, die Liberalismus als eine kohärente politische Moralität verstehen (so etwa Dworkin).

    Hm…letztlich lässt mich der Beitrag mit mehr Fragen als Antworten zurück.

  4. Stefan

    Häh??? “die Angst nicht zur großen konformen Masse zu gehören fehlt uns Liberalen irgendwie grundsätzlich.” Hier geht ja mal alles durcheinander. Wen willst du denn den damit jetzt ansprechen? Die fsien und so doch wahrscheinlich nicht, oder? Weil sich die doch nach eurer Meinung gerade nicht genug um die große Masse kümmern. Ihr dagegen seht euch doch eigentlich immer in dieser Rolle.

    Man kann nicht einfach irgendwas schreiben, nur weil es sich gut anhört. Es muss dazu auch noch stimmen… Aber da wären wir ja beim Thema Apologie.

    Achso, Buh!

  5. Germar Molter

    Stefan, was Wolf damit sagen will (und ich finde, er hat das doch unmissverständlich ausgedrückt), ist, dass deine Äußerung, wir würden uns isolieren, wenn wir gegen den Bildungsstreik sind, ziemlich bedeutungslos ist. Denn das einzige, was man aus deinem Beitrag ableiten kann, ist der Schluss “Man muss sich der Meinung anderer anschließen. Sonst ist man außen vor.” Klingt nicht sehr kritisch, oder? Ich meine, selber zu denken ist angesagt. Dabei kann man eben auch zum Schluss kommen, dass man den Bildungsstreik nicht unterstützt.
    Und so gut anhören tut sich unsere Stellungnahme anscheinend nicht für jede/n (s. Kommentare oben).

  6. Philipp B.

    Es wäre super, wenn mein Kommentar zeitnah freigeschaltet würde (er bezog sich im Übrigen unterstützend auf den dritten Kommentar).. Ich habe auch keine Schimpfwörter o.Ä. verwendet, obwohl ich die Fassungslosigkeit über derartige alljährlich wiederkehrende LHG-Artikel nicht habe verbergen können..

  7. Thomas

    Hey Phil! Der Kommentar ist nicht im System, ich kann ihn nicht freischalten. Bitte nochmal rekonstruieren. VG Thomas

  8. Philipp B.

    Also ich kann mich meinem Vorredner nur zu 100% anschließen. Vielleicht solltet Ihr nicht den Bildungsstreik als eine alljährlich wiederkehrende, für die Belange der Studierenden kontraproduktive Erscheinung betrachten, sondern Eure alljährlichen Anti-Streik-Artikel, welche die Bemühungen eines breiten politischen Spektrums regelmäßig konterkarieren. An dem Punkt, wo die LHG in ihrer Argumentation noch weiter geht als Herr Lenzen, solltet Ihr vielleicht tatsächlich mal über Sinn und Unsinn dieser Blockadehaltung nachdenken. Zudem äußert Ihr Euch hier nicht mal nur gegen den Streik an sich, sondern versucht gleichzeitig noch den AStA als “Sponsor” des “sinnlosen und unbegründeten Streiks” in den Dreck zu ziehen. Das hat weniger mit inhaltlich konstruktiver Politik zu tun, als mit dem Pflegen altbekannter Feindbilder. Am Beispiel des FB Wiwiss lässt sich zeigen, dass sich LHG-Positionen zum Teil eindeutig in die vier Grundforderungen des Bildungsstreiks 2009 einbetten lassen: Hier stoßen wir mit unseren (im Übrigen gemeinsamen) Bemühungen an genau die Grenzen, auf die nur ein Streik eine adäquate Antwort sein kann: Den Fachbereichen fehlen oftmals einfach die Mittel..

  9. Philipp B.

    Jetzt hats geklappt. Beim Posten des Kommentars kam immer “Wordpress Fehler - Doppelter Kommentar wurde gelöscht. Anscheinend hast du das schon einmal gesagt!”
    Ich hatte ihn zur Sicherheit kopiert und musste ihn leicht abändern, um ihn nochmal neu posten zu können. Da ist anscheinend beim ersten Mal irgendwas mit Wordpress schiefgegangen.

  10. Aufruf: “Für bessere Bildung & gegen den Bildungsstreik” bei Gelb ist Reif.

    […] Ergänzung 1 (10.06.): Klares Bekenntnis der LHG Berlin: Eine liberale Perspektive auf den Bildungsstreik […]

  11. dennis

    da ich eine liberale perspektive auf den bildungsstreik in obigem text nicht erkennen kann, schlage ich vor, die LHG benennt sich in “neoliberale” oder wenigstens “wirtschaftsliberale hochschulgruppe” um. denn mit politischem liberalismus hat euer anbiederndes “wir-vertreten-euch-soooooo-konstruktiv-in-den-gremien”-geseier nun wirklich kaum noch was zu tun. da müsste mensch sich nämlich mal die frage der legitimität von hochschulpolitischen entscheidungen stellen, die unter undemokratischen umständen (an den unis) bzw. weitgehend ohne beteiligung der hauptsächlich betroffenen (zur erinnerung: das sind wir, die studierenden) getroffen werden. glaubt ihr, ein montesquieu, ein john stuart mill oder ein henry david thoreau würde die “konstruktive” mitarbeit in solchen verhältnissen als “liberal” bezeichnen?
    in den gremien aktiv zu sein, ist das eine, das kann sinnvoll sein und das machen wir als auch. aber den studis zu suggerieren, sie müssten nur euch wählen und dann vertrauen in ihre gewählten representantInnen haben, statt sich selbst aktiv mit ihrer lage zu befassen, ist schon ziemlich dreist.

    im übrigen hat eure autorin schlecht recherchiert: hätten 2003 nicht tausende berliner studierende gestreikt und besetzt, und zehntausende von ihnen immer wieder demonstriert, hätten wir hier schon längst studienkonten. wie war nochmal die position der LHG zu studiengebühren…?

    ach ja: BUH!

  12. ronny

    die ach so “streikerprobten” deutschen (die ja bekanntlich erst einen fahrschein lösen, bevor sie auf dem bahnhof revolution machen) sind bei der LHG anscheinend alle männer (mit- und metallarbeiter, lehrer etc.). das ist konsequent, scheint doch eine geschlechtsneutrale formulierung bei der lhg unter “Klassenkampfrhetorik” zu fallen.

    mind the gap, LHGler_innen!

  13. Wolf Dermann

    Ääh ronny, Du postest Deinen obigen Kommentar gerade unter einen Blogeintrag von LHG’lerin Kristina Kaempfer!

  14. Phil K.

    Es ist wirklich grotesk, mit welcher Scheinheiligkeit hier für den “Bildungs”Streik argumentiert wird.

    Die Begründung, dass auch viele andere Stellen Verständnis für den Streik geäußert haben, mag ja noch stimmen. Oder? Vielleicht eher für die Ziele des Streiks als für den Streik selber. Ich kann mir jeden Falls nicht vorstellen, dass sich die Menschen bei der GEW die Internetseite des Bildungsstreiks mal durchgelesen hat.

    Genau so wenig kann ich mir vorstellen, das so sinnfreie Aktionen wie “Banküberfälle” (www.bildungsstreik.net/bankuberfall/) das vorgeschobene Ziel des Streiks verfolgen. Wie marvin es darstellt, geht es ja “zunächst wirklich schlicht um mediale Aufmerksamkeit und erst so kann dann der erwähnte Bildungsdiskurs größere Resonanz finden”. Bildungsdiskurs? Das Ganze hat als Hintergrund, wie immer würde ich mal behaupten, ganz ordinäre und altbekannte Kapitalismuskritik. Diese Kritik zu veröffentlichen stellt den Hintergrund und das eigentliche Ziel. Der Kern der Bildungsstreikler versteckt das, mehr oder minder gut, hinter den Bildungsvorwand (und blendet damit nicht wenige, die guten Gewissens an einigen weniger manifest ideologischen Demos teilnehmen).

    Das ist unser Problem. Die Menschen, die den Streik geplant haben, kümmert es im Grunde genommen einen Dreck, was mit den Unis passiert. Das alles ist nur Vorwand. Anstatt sich mit dem Problem zu befassen, Lösungsansätze zu finden und diese politisch zu realisieren, wird die Ursache der Bildungsprobleme zufällig im Kapitalismus verortet und damit fern aller pragmatischen Lösungsansätze.
    Logische Schlussfolgerung: die Beseitigung der Bildungsmisere fordert zuallererst eine Beseitigung des Kapitalismus und des repressiven Staats, der diesen verteidigt. Genau das vermittelt der Streik mit seinen “Aktionsaufrufen” und den Aufmachungen und Formulierungen der relevanten Begründungen (und ist ist da im Übrigen mit der alltäglichen Aktion der linkslinkeren Szene an der FU kohärent). Diese vermitteln ebenso den altbekannten Anspruch, frei von aller Beschränkung den eigenen Umsturzphantasien frönen zu dürfen sowie die stets unterschwellige, kaum greifbare und natürlich nie zugegebene Grundhaltung, frei von allen Pflichten des zivilen Zusammenlebens zu sein. Alles irgendwie Beschränkende wird als “Repression” (www.bildungsstreik.net/ak-antirep/) gedeutet, bei der staatliche Stellen stets und zuverlässig unprovoziert, unverhältnismäßig und unrechtmäßig gegen völlig schuldlose, friedliche, wohlwollende und konfliktscheuende Menschen vorgehen. Zum Glück gibt es doch noch so viel Meinungsfreiheit, das objektive und neutrale Beschreibungen solcher Repressionen ihren Weg in die Öffentlichkeit finden können.

    Das ist der Hintergrund des Streiks, der wenig mit Bildung zu tun hat. Deshalb wird er auch nichts bewegen, außer vielleicht wieder ein paar friedliebende Bildungsfreunde dazu, öffentliche Räumlichkeiten zu verwüsten. Darum stehen wir dem Ganzen so wenig wohlwollend gegenüber. Weil dieser Streik nichts bringen wird. Außer ein paar neue Rekruten für anhaltendes Kapitalismusbashing. Die Uni ist eben nur einer der Orte, an denen kapitalismusfeindliche Ideen an den Mensch gebracht werden sollen. Die dahinterstehenden Ideen werden halt oberflächlich dem Kontext angepasst, bevor sie verbreitet werden. Marketingtechnisch nicht schlecht - aber trotzdem bleibt der Zusammenhang mit Bildung nur Mittel zum Zweck. Die Priorität ist nicht, den Studis zu helfen, sondern das Produkt zu vertreiben.

    Damit erklärt sich auch, lieber Dennis, die liberale Perspektive auf den Bildungsstreik im obigem Text. Da wir Liberale nun mal keine alles dominierende Hintergrundideologie besitzen, die uns auf alle Probleme immer schnell und zuverlässig die gleiche sinnbefreite Antwort liefert, sind wir nicht gerade geneigt, bei solchen Kasperaktionen von extremlinker Selbstbespaßung mitzumachen.

    Wir versuchen lieber, pragmatische und realisierbare Lösungen auszuarbeiten und in der hochschulpolitischen Entscheidungsfindung durchzusetzen.
    Dass das nicht immer sofort nach unseren Vorstellungen geht und öfters mal suboptimale Entscheidungen entgegen studentischer Interessen getroffen werden, ist unvermeidbar. Aber wir weigern uns, deswegen brechstangenartige Maßnahmen als angebliche Abkürzung zum Ziel zu unterstützen. Wir schuften lieber kleinlich und bürgerlich in Gremien weiter, holen raus was geht, überzeugen mit Argumenten statt mit Parolen, arbeiten konstruktiv mit statt gegen andere Beteiligte am Entscheidungsprozess und versuchen so, unsere politischen Einflussmöglichkeiten zu mehren. Mühsam, vielleicht. Langsam, ja. Aber uns geht es eben tatsächlich um die Uni.
    Wenig überraschend wie groß die Anstrengungen sind, den Begriff “konstruktiv” dagegen so negativ wie möglich zu besetzen. Klingt schon fast nach Kollaborateur. Die LHG und andere eher pragmatisch angehauchte studentische Akteure als Quislinge der Hochschulpolitik, das ist das angenehm selbstgerechte Bild derjenigen, die sich nicht wirklich wundern, dass eben diese LHG gegen den Bildungsstreik jetzt Position bezieht. Dennis, was sind denn “solche” Verhältnisse? Ich schließe aus deinen Worten, dass wir hier an der FU in einer absolut untragbaren und völlig undemokratischen Situation sind, die jede Art von Repräsentation studentischer Interessen verbietet und verhindert und nach einer Revolution schreit. Ich unterstelle dir jetzt mal Wunschdenken, da kannst du selbst Jefferson herbeizitieren. Wir sind hier nicht im Iran, Nord Korea oder China. Die gebotenen Möglichkeiten der Einflussnahme studentischer Vertreter bleiben oft genug ungenutzt. Die Begründung ist, dass das ja sowieso nichts nützt, weil Studenten ja sowieso immer überstimmt werden. Die Reduzierung auf Abstimmen als Einflussmaßnahme in Gremien der univ. Selbstverwaltung ist ebenso einfältig wie schlau, weil nur eins Abhilfe schaffen würden, und zwar studentische Mehrheiten in solchen Gremien. Das ewige Nieerreichen dieses Ziels bietet sich wieder wunderbar an, um ewig gleichgeartete Protestaktionen zu starten…

    Der Einfluss der Studenten wird durch durch “Bildungsstreik” oder andere hochgelobte außergremische Aktionen der Szene um die StuPa-Mehrheit jedenfalls sicher nicht verbessert. Eher das Gegenteil. Aber das ist den bildungsstreikenden Kreisen auch herzlich egal (oder eher genehm), schließlich würde eine Verbesserung der Verhältnisse weniger Anlass zum prätentiösen Rumprotestieren zur Folge haben.

    p.s. Marvin, es gibt keinen Gegensatz zwischen Gremien- und “Außerparlamentarischer” Arbeit. Das hat auch niemand von der LHG behauptet. Was wir anprangern (hier und in der Vergangenheit) ist die penetrante, undemokratische und ineffektive Protest-Anti-Haltung, die leider die Gremien- und sonstige “Arbeit” der altbekannten Kreise ständig dominiert. Wie dieser “Streik” mal wieder zeigt. Blockadeaktionen anstatt Lösungen. Super.

  15. Stefan

    Hey Phil,

    danke für den Text, er macht zumindest mal sehr ehrlich und eindrücklich klar, welchen Denkmustern ihr anhängt, und das will euch ja auch niemand nehmen. Zu diskutieren gibt es aber eigentlich auch nichts mehr. Allerdings möchte ich noch eine Sache nachfragen, und zwar zu folgender Aussage: “Die Menschen, die den Streik geplant haben, kümmert es im Grunde genommen einen Dreck, was mit den Unis passiert.”

    Wie genau kommst du darauf? Darf ich ähnliches dann auch über euch schreiben, weil ich das manchmal so denke, es aber bislang ein reines Vorurteil ist?

  16. Thomas

    Nein, darfst du nicht, und das darf auch Philipp nicht so pauschal. Ich muss ehrlich sagen, dass ich Philipps konkrete Wortwahl nicht so wie geschrieben unterstütze.

    Ich weiß auch nicht, ob wir uns als Gruppe an jeder Stelle hinstellen und behaupten können, wir würden derzeit unermüdlich und mit allen Kräften in den Gremien uneigennützig für das Wohl der Studierenden kämpfen. Ich weiß aber, dass es LHGler gibt, die mit genau dieser Einstellung an ihren Fachbereichen arbeiten. Übrigens nicht mal nur in Gremien und nicht nur politisch.

    Schließlich ist hier dieser Bildungsstreik, der auf den ersten Blick unser Einverständnis erhalten könnte und auf der anderen Seite diverse Befindlichkeiten auslöst.

    Es folgt ein überraschendes Eingeständnis: Nach eigenen Erfahrungen könnte ich mich einer Demonstration wohl anschließen, die sich auf ein einzelnes Thema statt einer versuchten Bildungsrevolution beschränkt, die begleitet wird durch präzise Lösungsangebote und die am Ende auf Dialog und nicht Monolog gerichtet ist. Einen Streik, wie er nun praktiziert wird, kann ich deshalb nicht mittragen, weil neben vielen Forderungen, die ich unterstützen kann, ich auch viele Forderungen tragen müsste, die ich nicht tragen will.

  17. ronny

    @wolf dermann: die LHGlerin Kristina Kaempfer scheint jedoch noch nie etwas von diskriminierender wirkung von sprache gehört oder gelesen zu haben. warum sonst sollte sie in ihrem beitrag nur von männern sprechen? aber eine kritische auseinandersetzung mit den mechanismen von sexismus kann von der LHG anscheinend nicht erwartet werden.

  18. Thomas

    Ich möchte mal behaupten, dass die Diskriminierung erst an der Stelle auftrat, als sie in der Diskussion ins Spiel gebracht wurde. Denn sonst gibt’s nur drei Möglichkeiten:

    (1) In der Logik deiner Argumentation hätte Kristina offenbar Gefallen daran, sich selbst zu diskriminieren.
    (2) Oder es wäre ihr entgangen, dass sie sich mit ihren Worten selbst diskriminiert hätte.
    (3) Oder es hat für sie als weiblicher Verfasserin des Artikels keine Diskriminierung dargestellt, in diesem Fall das männliche Neutrum zu benutzen.

    Mag man nun spekulieren, was plausibler ist.

  19. Wolf Dermann

    @ronny:
    Wieso schreibst Du in Kristinas virtueller Anwesenheit einen Kommentar über ihren Schreibstil an mich und nicht an sie? Nimmst Du Frauen als Diskussionspartner nicht ernst?

  20. Phil K.

    Stefan, klar darfst du das schreiben. Meinungsfreiheit. Wenn du meinst, dass es die LHG einen Dreck kümmert, was mit den Unis passiert, dann bitte. Vielleicht schreibst du auch noch eine Begründung dahinter.

    Zu deiner Frage: wie ich dazu komme? Ich beobachte einfach, wie der Streik abläuft, welche Aussagen dazu gemacht werden und denke mir dabei dass es eigentlich klar sein muss, das solcherlei Aktionen für die Studis selbst keine Verbesserungen bringen. Aber gut, wo wir schon mal bei Gedankenmuster sind, sehe ich ein dass durch eine tiefrote Brille beobachtet dieser Streik das Ultimative sein muss. Du hast da bestimmt mehr Ahnung, was die Organisatoren so antreibt, vielleicht klärst du mich ja auch auf?

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