Nachruf auf den Bildungsstreik: Ewig grüßt das Murmeltier.
Thomas E.Lehre, StuPa, Lenzen, AStA, FSIs, Super-Uni, Bundespolitik, FU, Hochschulpolitik, Hochschulpolitische Veranstaltungen, Presse, Allgemeines Kommentar schreibenDer Bildungstreik ist vorbei. Die FSI OSI hat die Rolle übernommen, auf Seiten der Streikunterstützer die Ereignisse des Streiks zusammenzufassen. Auch Furios hat unter der Woche viele Beiträge geschrieben. Aber was ist nun bei rumgekommen?
Aus meiner Sicht hat sich am Ende leider doch vieles wieder nur in den eigenen Kreisen um sich selbst gedreht. “In jedem Fall ist das Thema wieder auf der politischen Tagesordnung, zumindest vorübergehend” schreibt die FSI OSI. Mein Eindruck ist ein anderer. Ja, es wurde berichtet. Wenn ich aber bei Google News “Bildungsstreik” eingebe, dann habe ich noch einzelne Berichte zu Nachwehen in Nordrhein-Westfalen. Ansonsten aber fallen die letzten Artikel bereits auf den 18. Juni. Eine wirkliche mediale Diskussion ist jedenfalls nicht in Gang gekommen. Wenn dies das Ziel war, dann hat der Streik sein Ziel verfehlt.
Vielen ist er unklar und allgemein geblieben, die Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit wurde nicht wirklich gewonnen. Viele mediale Kommentare waren gespickt mit Ironie. Debattiert wurde über Teilnehmerzahlen. Und die Schlagzeilen wurden beherrscht von Besetzungen. Die Inhalte? “Bachelor und Master abschaffen”, “Mehr Geld für Bildung”, “Reiche Eltern für alle”, “Keine Macht dem Kapitalismus”. Das ist durchgekommen. (1) ist eine fixe Idee, (2) zu unpräzise, (3) ist albern und (4) einfach Ideologie.
Es hat wohl ein Gespräch mit Senator Zöllner gewesen. Leider ist von Seiten der Streikorganisatoren (und auch nicht von Seiten Zöllners) zu vernehmen, worum es ging. Gesprächsangebote sind auch ausgeschlagen worden. Dafür wurde besetzt, was besetzt werden konnte. FSI OSI: “Auch für uns in der FSI, die wir in letzter Zeit zunehmend das Gefühl hatten, dass wir uns nur noch in Gremien aufreiben, war es ein gutes Gefühl zu zeigen, dass wir als Studierende auch anders können.”
Das interessanteste Zitat auf Streikseite ist dieses (ebenfalls FSI OSI): “Am Abend war für die OSI-BesetzerInnen aufräumen angesagt, die Besetzung wurde beendet, da wir einerseits keine Kapazitäten und andererseits kein gut genug ausgearbeitetes Konzept hatten.” Merkwürdig ist das, wenn man bedenkt, wie lang im Voraus der Bildungsstreik bekannt war. Für die FSI OSI steht deshalb nun die Besinnung darüber an, wie es weitergeht. Studierende können jetzt ja auch anders. Viele Studierende sind aus FSI OSI-Sicht vermeintlich politisiert worden - was hier gleichbedeutend ist mit der Bereitschaft zu zweifelhaften Protesttaktiken.
Wir machen uns immer noch keine Gedanken um die Dinge, die wir vielleicht selbst beeinflussen können. Wir haben auch für unsere Gremienarbeit kein Konzept. Wir reagieren und beurteilen Entscheidungsvorlagen. Wir schreien diejenigen an, von denen wir etwas haben wollen, wir beleidigen und zerstören. Wir sollten laut sein, hieß es von Herrn Grottian, ein leiser Protest bringe nichts, und wir wurden so laut, dass man sich Oropax ins Ohr stecken musste - und genauso wenig hörte, wie wenn wir geflüstert hätten. Wenig an dem, was wir bislang tun, ist konstruktiv. Wir… die wir zudem nicht mal wir sind, aber als eine Gruppe wahrgenommen werden, ob uns das in jedem Punkt gefällt oder nicht.
Auch der Streik war nicht konstruktiv. Es wurde zwar viel gesagt, aber wenn man danach bewertet, was übrig bleibt, hat er keine Ideen vermittelt und keine Konzepte entwickelt. Er hat Protestbedürfnisse bedient. Lese ich das Fazit der FSI OSI, scheint es mir beinah, als hätte er sich stärker an das eigene Selbstbewusstsein gerichtet als an die anderen. Er begann in der vorigen Woche aus meiner Sicht beinahe unerwartet hoffnungsvoll, diszipliniert und offen; dann ist er schon am Montag doch wieder in eingefahrene Muster abgeglitten.
Schade. Und nächstes Jahr? Wird jemand den Streik damit begründen, dass sich ja nichts geändert hat. Ewig grüßt das Murmeltier.
21. Juni 2009 at 18:43
An folgendem Zitat zeigt sich das Schema der immergleichen Argumentationsversuche auf diesem Blog sehr gut:
“Das interessanteste Zitat auf Streikseite ist dieses (ebenfalls FSI OSI): “Am Abend war für die OSI-BesetzerInnen aufräumen angesagt, die Besetzung wurde beendet, da wir einerseits keine Kapazitäten und andererseits kein gut genug ausgearbeitetes Konzept hatten.” Merkwürdig ist das, wenn man bedenkt, wie lang im Voraus der Bildungsstreik bekannt war.”
Was soll hier gesagt werden? Inhaltlich ist diese “Kritik” für mich nicht nachvollziehbar. Eher scheint es um die Kritik an sich zu gehen. Man nehme irgendeine Aussage einer der verhassten Gruppen und weist auf vermeintliche Wisersprüche hin. Sieht auf den ersten Blick zwar gut aus, erweist sich dann aber meistens doch als ziemlich hohl. Denn - ich wiederhole mich - was soll hier gesagt werden?
Da ich in den letzten Tagen ausgiebig mit der Boulevardpresse zu tun hatte, fällt mir auf, dass diese Argumentationsversuche dort sehr häufig zu finden sind. Und ich hatte auch schon bei einem anderen Beitrag auf diesem Blog bemerkt, dass der Stil sich in Richtung einer billigen Rhetorik entwickelt.
21. Juni 2009 at 19:59
Hier soll gesagt werden, dass der Streik offenbar doch ein wenig zum Ausdruck von Aktionismus geriet, wie auch studentische Gremienarbeit planvolles Vorgehen vermissen lässt, wobei letzeres eine Kritik ist, die sich an alle Gremienvertreter richtet - und damit explizit auch an mich selbst.
Derweil kenne ich kein Mitglied der FSI OSI persönlich. Ich kenne aber Mitglieder der fsi wiwiss und ich glaube, mal, behaupten zu dürfen, dass wir uns trotz inhaltlicher Differenzen menschlich durchaus schätzen.
Aber gut, sei es hohl. Warum denn? Was übersehe ich?
21. Juni 2009 at 20:18
Lieber Stefan,
was Du Thomas anlastest, scheinst Du mir selbst zu praktizieren (ich lasse mich gern korrigieren): Du scheinst “LHG” zu lesen und daraus eben so pauschal zu folgern, Thomas würde “die selbe” “billige Rhetorik” praktizieren. Ich gewinne nicht den Eindruck, daß Du seinen Beitrag wirklich in Gänze nachvollziehst.
Thomas kritisiert - zu Recht, wie sich nicht zuletzt am jähen Ende der “VV” zeigte - das mithin unzureichende “Rüberkommen” der Inhalte. Das heißt nicht, daß sie nicht existieren und überhaupt gar nicht zu vermitteln versucht wurden. Das Maß des von ihm davon wahr Genommenen kann zudem ein anderes sein als Deines.
Thomas kritisiert auch Gespräche, die nicht wirklich zu Stande gekommen oder genutzt worden waren. Das bedeutet jedoch nicht, daß Jürgen Zöllner oder die KMK - mithin im Grundsatz - so viel gesprächsbereiter waren. Thomas sieht in Dir keinen Feind - genau so wenig, wie Du es umgekehrt tun solltest.
Im Übrigen hatte es während der Präsidiums-”Besetzung” tatsächlich ein Gesprächs-Angebot des FU-Präsidiums gegeben, das mindestens von Seiten des FU-Kanzlers Peter Lange (nicht zu verwechseln mit Rechtsamt-Leiter Hellmut-Johannes Lange) glaubhaft gewesen war. Dieses ging darauf, daß möglicher Weise Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl, in jedem Fall aber Christine Keitel-Kreidt und Kanzler Lange in einem Hörsaal zu den Forderungen der anwesenden Studierenden Stellung nehmen und das Gespräch mit ihnen führen wollten. Bedingung: Die freiwillige Räumung des Präsidiums. Diese Bedingung wollten die Anwesenden jedoch nicht erfüllen. Daher hat das FU-Präsidium - namentlich und körperlich Ursula Lehmkuhl und Rechtsamt-Leiter Lange selbst mit explizitem fernmündlichem Einverständnis des abwesenden Dieter Lenzen - die polizeiliche Räumung des Präsidiums veranlaßt. Der FU-Kanzler des Weiteren hat hiermit nichts zu tun. Es sei nicht zuletzt auf die Richtlinienkompetenz Dieter Lenzens verwiesen.
Ich betone die Feststellung dieser Tatsachen in Gänze. Ich lege keinerlei Wertung hinein - auch nicht hinsichtlich Sinns oder Unsinns von “Besetzung” oder Räumung.
Stefan, setzt Du bei Thomas die selbe Feindbild-Brille auf wie mitunter bei anderen “LHG”-Mitgliedern, tust Du das bei einem der Wenigen, die versuchen, mit mehr Sachlichkeit und Inhaltlichkeit an das Ganze heran zu gehen. Das kann nicht in Deinem, seinem oder unserem Sinne sein.
Mit bestem Gruß
Mathias
21. Juni 2009 at 20:20
Ich vergaß: Thomas übt auch Selbstkritik - wie er zudem gerade in einem Kommentar nochmals hervor gehoben hat.
21. Juni 2009 at 20:30
“Das interessanteste Zitat auf Streikseite ist dieses (ebenfalls FSI OSI): “Am Abend war für die OSI-BesetzerInnen aufräumen angesagt, die Besetzung wurde beendet, da wir einerseits keine Kapazitäten und andererseits kein gut genug ausgearbeitetes Konzept hatten.” Merkwürdig ist das, wenn man bedenkt, wie lang im Voraus der Bildungsstreik bekannt war.”
hmmm… das könnte damit zu tun haben, dass wir - wie jede andere hochschulgruppe - auch eine art “tagesgeschäft” haben. dazu gehört auch die von euch so häufig angemahnte gremienarbeit, ausserdem die vernetzung mit anderen hochschulpolitischen gruppen und anderen inis an der FU, die mitarbeit in kommissionen und arbeit im AStA.
“Er hat Protestbedürfnisse bedient. Lese ich das Fazit der FSI OSI, scheint es mir beinah, als hätte er sich stärker an das eigene Selbstbewusstsein gerichtet als an die anderen.”
ja und nein: nein, weil mensch sich sonst das ganze geld für plakate, flyer, broschüren usw. ebenso hätte sparen können wie die zeit für pressearbeit, öffentlichkeitswirksame aktionen und verteilung des informationsmaterials. das braucht’s alles nicht, wenn mensch eh nur für eigenen mitglieder was macht. ja, weil wir uns vermutlich darüber einig sind, dass misslungene aktionen die mitglieder einer gruppe frustrieren und mensch insofern immer auch ein bisschen für die eigene motivation hofft, dass alles gut klappt.
22. Juni 2009 at 12:23
Die mediale Aufmerksamkeit war übrigens durchaus da: Kein Fernsehsender und keine Zeitung ist in der letzten Woche daran vorbeigekommen, ausführlich über den Bildungsstreik zu berichten. Eine so breite Diskussion über die Situation an den Unis und Schulen gab’s schon lange nicht mehr, und das ist ein Erfolg, der über Gremienarbeit eben nicht zu erzielen ist.
22. Juni 2009 at 17:25
Ja, Fabian, dass sie in der vergangenen Woche vorhanden war, steht gar nicht infrage. Angezweifelt ist die Nachhaltigkeit und die Wirkung. Aufmerksamkeit macht noch keine Diskussion: Aus meiner Sicht haben viele ihre Meinung zu diesem Thema geäußert, aber eben nicht diskutiert. So sehr ich mir wünschen würde, dass es anders wäre.
23. Juni 2009 at 17:37
[…] Effekt auf konkrete Hochschul- und Bildungspolitik, der nicht von der Hand zu weisen ist. Auf dem Blog der LHG heißt es unter der Überschrift „Nachruf auf den Bildungsstreik: Ewig grüßt das […]
28. Juni 2009 at 16:59
Also jetzt übertreibt mal bitte nicht.
Es gab in der Süddeutschen, einer ja durchaus auch in Studierendenkreisen anerkannten Tageszeitung, einmal einen kurzen, einmal einen mittellangen Artikel auf den hinteren Seiten und einmal einen, wenn auch zugegebenermaßen den längsten, Kommentar. Im TV wurde das ganze mit 30sek-Meldungen berichtet. Klar, mediale Aufmerksamkeit. Aber eine öffentliche Diskussion? Wohlkaum! Ich will nicht leugnen, dass der Streik Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Er hat aber keine neuen Anstöße gebracht und schon gar keine lange, evtl. fruchtbare Diskussion herbeigeführt.
@ Dennis
Niemand versucht, die Arbeit, die in der Organisation und Durchführung des Bildungsstreikes lag, kleinzureden. Das wird doch anerkannt und von niemandem in Zweifel gezogen. Was aber nichts daran ändert, dass über die Sinnhaftigkeit dieser Aktion doch auch im Nachhinein noch diskutiert und kritisch analysiert werden darf.
7. Juli 2009 at 18:08
Hm…das mit dem fehlenden nachhaltigen medialen Echo dürfte so wohl nicht mehr aufrechtzuerhalten sein:
www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Bildungsstreik-Bologna-Prozess-Bachelor;art304,2841378
www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,2842095
Die Diskussion wurde bis zu den Entscheidungseliten getragen und hat positive Anstöße gegeben:
Von Aufgabe der Verschulung bis zu Garantie von Masterplätzen. Das sind orginäre studentische Interessen.
Bei aller Manöver- und Mikro-Kritik sehe ich damit das Hauptanliegen erreicht. Nichtstun, wie es die LHG offensichtlich präferierte, hätte eben rein gar nichts bewirkt. Das ist der Unterschied.
8. Juli 2009 at 12:04
Hallo Marvin,
danke für die Glückwünsche zum “Gesprächserfolg”* bei Schavan. Ich leite sie an unsere Sonja weiter, die für die LHG gestern dran mitgewirkt hat!
Du siehst, wenn Hochschulpolitik nicht mit Weltrevolutionsrethorik (oder wie gestern geschehen ohne die Forderung nach Abschaffung von BA/MA-Studiengängen) vermischt wird, sind wir immer zur Stelle und arbeiten am “Erfolg”* mit. ;-))
* In wiefern Aussagen der Bundesbilungsministerin zur BA/MA-Reform als Erfolg gewertet werden können ist aber eher fraglich. Schließlich ist der Teil der Hochschulpolitik ausschließliche Länderkompetenz. Das ist, als würde man bei der Bundestagswahl bestimmte Parteien wählen, um Studiengebühren zu verhindern. Auch witzlos, weil Bund einfach nicht zuständig.
8. Juli 2009 at 19:21
Man bedenke, warum dieses Gespräch überhaupt erst stattfand und warum “eure” Sonja dort dann dementsprechend erscheinen konnte ;-).
Und neben Schavan war die KMK ja durchaus auch dabei, hm?
Konsequent mal um das ganze Bild bemühen.
18. Juli 2009 at 8:38
Gut einen Monat ist es jetzt schon her:
www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Bologna-Reform-Bildungsstreik-Bachelor;art304,2848787