Auf der sogenannten Vollversammlung vom 16.10 wurde ein Katalog an Forderungen debattiert, welcher den Studierenden vom 11.-13. Januar zur Urabstimmung vorgelegt werden soll.
Nachzulesen ist das Gesamtwerk hier
http://img406.imageshack.us/f/urabstimmung.jpg/
die interessantesten, ambitioniertesten und drolligsten Forderungen sind aber auch im Folgenden aufgeführt.
Es handelt sich um ein Konvolut, in welchem sich einige echte Knaller verbergen:
So wird das Dauerbrenner-Thema der Mitbestimmung der unterschiedlichen Statusgruppen angesprochen.
“An und in der FU Beschäftigte sollen FU-Angehörige mit entsprechenden Mitbestimmungsrechten werden; dies betrifft Reinigungskräfte, Lehrbeauftragte, Pförtner_innen und andere”
In der “Vollversammlung” wurde eine Reihe von Missständen beim Umgang mit sonstigen Beschäftigten angeprangert (Lohndumping, Leiharbeit, Behinderung bei gewerkschaftlicher Betätigung). Abgesehen davon, dass es begrüßenswert wäre, wenn diese Vorwürfe belegt würden, ist es ein legitimes und richtiges Ziel solche Missstände beenden zu wollen. Problematisch ist jedoch die intendierte Umsetzung: Sind dafür die Gremien und Institutionen der Hochschule der geeignete Ort? Oder liefe man nicht Gefahr, dass die inneren Mechanismen der Uni überlastet wären, wenn ihnen die Klärung solcher Widrigkeiten ebenfalls noch aufgebürdet würde? Es ist ja nicht so, dass die Entscheidungsfindungen der FU bisher reibungslos, konfliktfrei und mit stets perfekten Ergebnis abliefen, so dass man derlei Großprobleme quasi nebenbei wuppen könnte. Voller Respekt vor jenen Arbeitskräften, welche den universitären Betrieb erst ermöglichen, ist selbstverständlich. Jedoch scheint es, als ob Betriebräte, Gewerkschaften, SenBildWiss, SenInn, Pateien oder auch das Arbeitsgericht die besseren Adressaten für den Aufruf zur Abhilfe wären. Die inneruniversitären Prozesse würden jedenfalls Schaden aufgrund von Überlastung nehmen. Weswegen der Asta sich des Problems annimmt, bleibt ebenfalls unklar. Schließlich hat er das Mandat der Studierenden, sonst keines. Es steht den Asta-Angehörigen ja frei, sich hierfür zu engagieren, sie sollten hierzu jedoch als Privatpersonen die genannten Kanäle nutzen und im Allgemeinen Studierendenausschuss die Interessen ihres Wahlvolks vertreten.
In eine ähnliche Richtung geht die folgende Zielsetzung:
“Viertelparität in allen akademischen Gremien der FU: gleichberechtigte Mitbestimmung von Studierenden, sonstigen Mitarbeiter_innen, wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen und Professor_innen”
Ganz abgesehen davon, was man von der derzeitigen Stimmgewichtung der Statusgruppen halten mag: Ist es angemessen, dass “sonstigen Mitarbeiter_innen” bei Fragen von Forschung und Lehre entscheidend sein können, obwohl sie nicht Betroffene sind? Diese Frage wurde auch im Plenum aufgeworfen, aber mit dem Hinweis abgebügelt, dass es sich auch nach der Reform noch um ein ‘feudales’ System handeln würde. Was ja eine interessante Feststellung ist, trotzdem aber nicht als Erklärung angesehen werden kann.
Konterkariert wird dieser Punkt des weihnachtlichen Wunschzettels von folgender Forderung:
“Einführung instituts-, fachbereichs- und universitätsweiter Urabstimmungen mit Beschlusskompetenz für alle die Universität auf jeweiliger Ebene betreffenden Entscheidungen”
Ist die Viertelparität also erst einmal eingeführt, wird sie gleich wieder abgeschafft. Dann gilt: Wir basteln unsere Uni selbst. Man kann sich ausmalen, wie es an der Uni zuginge, wenn man die bisherigen Erfahrungen mit Wahlbeteiligung und Hochschulpolitik zugrunde legt. Einziger Haken: Wahrscheinlich würde wohl das gesamte Lehrpersonal die Flucht ergreifen. Man kanns ihm nicht verdenken. Macht aber nichts, zum Studieren wäre eh keine Zeit mehr, da eine Urabstimmung die nächste jagt.
“Forschung, Lehre und Studium an der FU sollen nur zivilen Zwecken dienen. Als Drittmittelgeber ausgeschlossen werden insbesondere Rüstungsindustrie und Bundeswehr. Eine dementsprechende Zivilklausel ist in die Grundordnung einzufügen”
Obwohl manch einer diese Klausel ablehnt, muss man einräumen, dass sie an der FU durchaus mehrheitsfähig ist. So richtig das Ziel vielen erscheinen mag, muss man sich jedoch die Folgen vor Augen führen: Mittel in nicht unerheblicher Menge wären verloren, insbesondere, da gerade Grundlagenforschung zivilen u n d anderen Zwecken dienstbar gemacht werden kann. Die schwarze Liste würde also ziemlich lang werden. Dass dann urplötzlich alle bewaffneten Konflikte beendet oder auch nur eingeschränkt würden, ist aber eher unwahrscheinlich. Für Studierende und Profs wäre der Geldmangel hingegen deutlich spürbar. Werden da erneut die Probleme der Welt der Uni aufgebürdet? Ist das die geeignete Plattform? Finanzierung ist allerdings für die Resolutionsanhänger kein Thema, dazu gleich mehr. Dass überdies ein Sonderforschungsbereich der FU, welcher beispielsweise für die UNO-Friedensmission im Sudan von Nutzen sein kann, für eine Resolutionsanhängerin mit der Zwillingsforschung Mengeles vergleichbar ist, spricht Bände. Solcherlei Extrempositionen sind allerdings wenig hilfreich für einen konstruktiven Diskurs.
Nun zu einer wohlfeilen Forderung, die doch einigen Sprengstoff in sich birgt:
“Forschung, Lehre und Studium im Sinne einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft”
Forschung, Lehre und Studium sollen also künftig vorab auf eine bestimmte Ausrichtung getrimmt werden, Ergebnisoffenheit und unliebsame Positionen blieben auf der Strecke. Ökologische Nachhaltigkeit ist ja ein löbliches Ziel, doch wer legt im Zweifelsfall die Richtlinien fest? Wird hier ein Wächterrat eingerichtet, oder erledigt das der Einfachheit halber der Asta gleich mit? Wie geht man dann mit umstrittenen ‘Grenzfällen’ um, beispielsweise der Forschung zum Thema CO2-Speicherung? Wer hebt oder senkt da künftig den Daumen?
In einer ähnlichen Zwickmühle befindet sich der zur Urabstimmung aufgerufene Studi im folgenden Fall:
“Gegen die Schaffung reiner Lehrprofessuren: Forschung und Lehre gehören untrennbar zusammen”
Lehrprofessuren sind ein möglicher Bestandteil der Novelle des Berliner Hochschulgesetzes. Deren Ablehnung wurde plausibel begründet. Die Lehrenden sollen auch mit Forschungsfragen vertraut sein, forschen können und Forschungsergebnisse direkt in die Lehre einbauen. Richtig, mag man sich sagen. Aber auch hier gibt es wieder einen Haken: Aus dogmatischen Gründen wird die Lehrprofessur abgelehnt, mit Maximalforderungen wie im vorliegenden Katalog wird aber jede fernere konstruktiven Zusammenarbeit, welche die Lehre im Rahmen des Bestehenden verbessern könnte, unmöglich gemacht. Das Ergebnis für die Studierenden: Es ändert sich nichts, gar nichts. Gedankt werden darf dem Asta, der sich einmal mehr für die Studierenden eingesetzt hat – gleich an zweiter Stelle nach den eigenen ideologischen Überzeugungen.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Vorlage zur Urabstimmung auch einige Punkte enthält, die durchaus vernünftig und berechtigt sind. Hier könnten sich Mehrheiten über politische Lager und Statusgruppen hinweg finden. Unter anderem soll die Zahl der Masterplätze erhöht werden, die Uni komplett barrierefrei gemacht werden oder ein Teilzeitstudium (vermutlich für Berufstätige, Väter und Mütter?) ermöglicht werden. Aber schon das ist nicht umsonst und ohne Anstrengung zu haben. Und da diese konsenfähigen Vorschläge mit zum Teil grobem Unfug einhergehen, werden sie wie gehabt im Orkus der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Mehrwert für die Studierenden: Null.
Nicht zuletzt stellt sich noch die Frage nach der Finanzierung des Pakets. Auf Nachfrage wussten die Befürworter Antwort. Moderate Stimmen schlugen vor, dass Euro-Rettungspaket anzuzapfen, ein Asta-Angehöriger hingegen regte die “Zerschlagung von Banken, Enteignungen” (O-Ton!) an. Der Fahrplan ist also folgender: In der 2. Kalenderwoche wird abgestimmt, in der dritten KW verteilt der Asta dann Milliarden um oder führt wahlweise die Weltrevolution durch. Danach steht dann Cash bis zum Abwinken auch für die bizarrsten Ideen zur Verfügung.
Nicht dass es zu Missverständnissen kommt: Ob es richtig ist, Geld für Banken, aber unzureichend für Bildung zu mobilisieren, kann und sollte hinterfragt werden. Aber ob der Asta das richtige Forum ist, die großen Fragen der Zeit zu lösen? Könnte man nicht, wenn man es eine Nummer kleiner anginge, sogar etwas Greifbares zum Wohle der Studierenden erreichen?
So jedenfalls steht das Ergebnis fest: Sollte der linken Ideen eigentlich aufgeschlossene rot-rote Senat diesen Forderungskatalog jemals in den Händen halten, muss er die FU-Studenten für weltfremd halten. In Ermangelung seriöser Ansprechpartner wird das Berliner Hochschulgesetz über die Köpfe der Studierenden hinweg entschieden werden. Die Institution Asta bleibt einmal mehr hinter ihren Möglichkeiten zurück.